Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1872)
- Date
- 1872-09-10
- Page
- Seite 739 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitung des Zrr-eilthums. FeMelon-GeUage M Nr. 37. Leipzig, den 10. September 1872. Eine alte Hostiengeschichte. Von Louis Weyl in Frankfurt an der Oder. Die Hostien haben uns Juden schon viel zu schaffen gemacht, haben uns schon, wie wohl jedermann weiß, gar viel Gut und Blut gekostet. Eine gewissermaßen ähnliche Geschichte, wie die, welche erst vor kurzem in Rumänien spielte, wo nämlich durch die Schändlichkeit eines zum Christenthume übergetretenen Juden mehrere seiner früheren Glaubensgenossen in die peinlichste Verwicklung gezogen wurden, hat sich vor nun 362 Jahren in der Mark Brandenburg zugetragen. Nur ist hier der Ausgang leider viel trauriger, viel blutiger gewesen, da nicht'weniger als 35 Menschenleben dem blinden Fanatismus zum Opfer gefallen sind, abgerechnet die grausamen Verfolgungen, von denen alle übrigen jüdischen Einwohner des Landes betroffen worden sind. Es war im Februar des Jahres 1510, und zwar am ersten Sonntag nach der sogenannten „Lichtmesse", als in dem Städtchen Bernau sich plötzlich das Gerücht verbreitete, es hätte Nachts vorher in dem nahe gelegenen Dorfe Knoblauch ein furchtbarer Kirchenraub stattgefunden. Man habe, so hieß es allgemein, so flog es gleich einem Lauffeuer von Mund zu Munde, in genannter Ortschaft die Kirche selber, sowie innerhalb dieser den Sacramentsschrank gewaltsam erbrochen und aus letzterem eine vergüldete Monstranz und ein Büchslein mit „drei geweihten Hostien" gestohlen. Das Gerücht ging sogar noch weiter und sagte, es seien schon Stücke von der Monstranz im bernauer Stadtgraben, sowie andere Stücke an anderen Orten, weiter von der Stadt entfernt , aufgefunden worden. Als der verübten That dringend verdächtig ward ein gewisser Paul Fromm bezeichnet, ein ganz ordinäres Subject, das früher dem Judenthume angehört, dieses aber seit Jahren schon mit der katholischen Religion vertauscht hatte. Der gehegte Verdacht gründete sich indessen nicht bloß auf den, von je her allgemein als schlecht bekannten Lebenswandel des besagten Fromm, sondern auch, und-ganz besonders, darauf, daß derselbe seit der Nacht des Diebstahls aus Bernau, seinem Wohnsitze, plötzlich verschwunden war und sich nirgends in der Umgegend hatte blicken lassen. Später jedoch war er wieder und, wie es natürlich hieß,' von Gewissensangst getrieben, nach Bernau zurückgekehrt, woselbst er denn, kaum angelangt, fest genommen und eingekerkert wurde. Vom Stadtrichter verhört, war Fromm geständig, sowohl den Einbruch als auch den Diebstahl verübt zu haben, während er jedock von den Hostien behauptete, daß er dieselben eine nach der andern zu sich genommen, d. h. verzehrt hätte. Der Richter, dieses glaubend, wollte hiermit die Untersuchung als beendet ansehen und nach dem Resultate, daS er aus ihr genommen hatte, die Strafe decretiren. Und in der That würde er auch so verfahret! sein , wenn nicht plötzlich die hohe Geistlichkeit des Landes sich in die Sache gemischt hätte. Sie wollte ein anderes Ergebniß habendem ihrem Gelüste mehr zusagendes, und um ein solches zu erlangen,, mußten denn natürlich auch andere Hebel in Bewegung gesetzt werden. Die Angelegenheit ward als eine rein kirchliche dargestellt, als welche sie dann nicht mehr vor ein weltliches, sondern lediglich vor ein geistliches Forum gehörte. Der Bischof von Brandenburg selber schritt ein und bewirkte sofort, daß Paul Fromm in ein neues, und zwar in ein „peinliches" Verhör genommen wurde. Wenn aber die alten Chronisten und Historiographen von einem „peinlichen Verhör" berichten, so ist mit demselben in der Regel nichts geringeres als Folter und Tortur verbunden gewesen. Der Renegat Fromm ward also „peinlich verhört" und gestand jetzt, nur eine der Hostien aufgegeffen, die andern beiden aber einem Juden von Spandau, dem Handelsmanne Isaak S a l v m v n, um 18 märkische Groschen verkauft zu haben. Salomon von Spandau ward verhaftet und, weil er ein Schutzjude war, vor den Kurfürsten selber geführt. Joachim I., so hieß der damalige Kurfürst von Brandenburg, verhörte persönlich den S a l o m o n, seinen Kammerknecht, konnte indessen aus demselben durchaus nichts herausbringen, was der Klerisei irgendwie in den Kram gepaßt hätte.