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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-08-27 · Heft 35 (27.8.1872) · p. Seite 699

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 35 (27.8.1872)
Date
1872-08-27
Page
Seite 699 (sequence 17)
Language
German
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-es ZudcnthumS. Femllelon-Geilage zu Nr. 35. Leipzig, den 27. August 1872. Ein Sittenbild ans Wien. Die „Judengünsel" sind in Wien ein Handelsartikel von Belang, und mit der Uebersiedelung des Manufacturhandels in den neuen Stadttheil, welcher den historischen Salzgries einschließt, haben auch die Judengansilhändler ihren Einzug von vorn nach hinten zur Salzgricscaserne genommen. Dort halten sich, aller confessioneller Gleichstellung zum Trotz, die Judengansil in mehr als bescheidener Entfernung von den dem Tiefengraben entlang etablirten christlichen Gänsen, und wir haben es oft mit angesehen, daß Hausfrauen, die sonst nicht gut auf die Juden zu sprechen sind, ihres Judenhaffes ungeachtet ihre Sympathie den Judenganseln zuwenden. Kürzlich führte eine solche Mesalliance zu einem kleinen Conflicte, der sogar zu einer Gerichrsverhandlung anschwoll. Christine L. hatte am 17. Juli dieses Jahres bei Aron K. die dickste Judengans, die er am Lager hatte, gekauft und ihm dafür 4 fl. 50 kr. gezahlt, um ihrem Gatten, der auf den Namen Friedrich getauft ist, für seinen auf den nächsten Tag fallenden Namenstag einen guten Braten Vorsitzen zu können. Aron K. Ham nicht Worte des Lobes genug für diese Gans, deren Ahnen er ave zu kennen vorgab, und Frau Christine L. ging sichtlich befriedigt vom Ganselmarkte fort. Im Tiefengraben besorgte Frau Christine L. noch andere Einkäufe, das Gansel guckte aus dem Korbe hervor, und die Kräutlerin bemerkte zu der Gnädigen: „Aber Euer Gnoden, wos hoben ©* denn do für a . Krepirl gekauft, mir scheint gor, dös is a Iudengansel?" Frau Christine L. bejahte dies, und schon hatte die Kräutlerin das Gansel aus dem Korbe hervvrgehvlt, es mehrfach hin-und hergedreht und dann mit Kennermiene die inhaltsschweren Worte ausgesprochen: „Dös is a krepirt'Ä Bieh .und stinken thut's a, es hat den ganzen Judeng'ruch, geben S' nur glei dös Gansel z'ruck, sunst kennens alle krank werden." Frau Christine L. eilte auf den Judenganfelmarkt zurück, legte die Gans hin und begehrte ihr Geld wieder. Aron K. bemerkte lächelnd: „Eu Gnoden machen an Gespas, ich kann das nix nehmen für einen Ernst," und nachdem die Frau versicherte, es sei ihr vollster Ernst, sie gebe daß Gansel zurück und fordere ihr Geld, wurde auch Aron K. ungeduldig und sagte: „As es is nix a Gespas, muß ich mir verbieten so ein Geschäft, was bin ich der Gnädigen ihr Narr, leben Sie hundert Jahr und gehen Sie mit Jhnener Gans, wo So wollen a hin, ich geb nix zurück Ein Kreuzer." Nach dieser mit Stentorst'unme abgegebenen Erklärung entschlüpfte der Frau Christine L. die Aeußerung: „Dös konn nur so a Saujud thun." Es war-damit genug gesagt, um eine ganze Fluth von Schimpfworten anzuregen. Es wurde hinüber und herüber geschimpft, die Gans hin und her geworfen und endlich herrenlos auf dem Platze liegen gelassen. Frau Christine L. entfernte sich, und eine Stunde später erschien ihr Gatte, Anton L., ein wohlgenährter Bautischler, begehrte die Gans und schlug, als ihm diese angewiesen wurde. Mit derselben einigemale dem Aron K. auf den Kopf. Dieser schrie und weinte, es sammelten sich Leute au, und nachdem Anton L. Namen, Charakter und Wohnort angegeben hatte, durfte er sich mit dem Gansel entfernen. Aron K. klagte auf Ehrenbeleidigung, und heute fand die Verhandlung statt. Richter: Herr Aron K., Sie haben den Herrn Anton L. auf Ehrenbeleidigung geklagt; wollen Sie Ihre Anklage vortragen. — Aron K.: Eu Gnoden, wie haißt? Ich hob' doch Ihnen Alles horklein geschrieben. Richter: Sie haben eine sehr umfangreiche Anklageschrift überreicht, ich meine, es wäre bester. Sie würden in Kürze den Vorgang erzählen. — Aron K.: Eu Gnoden, do loßt sich gor nix verkürzen, /wenn mir nix war leid gewesen um dos schöne Papier, ich hob's genummen von dem Prüfungspapier von mein Nathanleben, hätt' ich können schreiben noch dreimal so viel. Richter: Sie haben am 16. Juli der Frau Christine L. eine Gans verkauft? — Aron K.: Ich weiß nicht,

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