Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1872)
- Date
- 1872-08-13
- Page
- Seite 644 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* J 644 ' Errungniffe der Zeit, wenn nicht über den Haufen zu werfen, doch zu bedrohen scheint. Wir brauchen nur an den Ultramontanismus, der alle Intelligenz und GewMensfresiheit wie die daraus hervorgehenden Rechtsgrundsätze unterwühlt, an den Socialismüs, der alle Grundfesten der Gesellschaft Umstürzen will, zu erinnern; wir brauchen nur daran zu denken, daß in diesem Augenblicke, in Frankreich die freihändlerischen Principien wieder durch eine drückende Protection ersetzt werden; wir brauchen uns nur das Bild der ganzen europäischen, theils offenbar, theils heimlich unterwühlten Gesellschaft vorzuführen, wie hier der politische Nationalismus, dort der internationale Socialismus, dann wieder der universelle Ultramontanismus, wie Wissen, Glaube und Aberglaube, Staat und Kirche, Materialismus, Realismus und Idealismus überall und in allen menschlichen Regionen mit einander auf's heftigste kämpfen — um einzusehendaß es nicht blos Antiquitätensucht oder Curiosttät, ja nicht einmal geschichtliche und religiöse Vorliebe ist, was bei dieser Betrachtung leitet, sondern das Bedürfniß, sich immer und immer wieder über die ewigen Fundamentalgesetze der menschlichen Moral und der menschlichen Gesellschaft klar zu werden. Man ist jetzt überzeugt, daß die Menschen-und Völkergeschichte ihren Werth nur als Culturgeschichte hat, und daß diese nicht allein in der politischen, literarischen und artistischen Geschichte, sondern auch in der nationalökonomischen besteht. Dennoch fehlt es an einer umfaffenden und gründlichen Geschichte der Nationalökonomie noch bis heute. Wir meinen nicht blos eine Geschichte der Nationalökonomie als Wissenschaft,. obgleich auch letztere bereits in ein früheres Alterthum hinaufreicht, als gemeinhin angenommen wird, sondern auch der nationalökonomischen Verhältnisse und„ Gesetzgebungen. Hinsichtlich der letztern würde in dieser Geschichte die mosaische eine höchst ehrenvolle Stelle einnehmen. Wir haben nämlich schon früher einmal, als wir über die indische Handels- und Gewerbeverfaffung schrieben,*) als Resultat erwiesen, daß Zwang und Beschränkung auf dem Gebiete der Industrie und des Handels in ein so frühes Alterthum hinaufreichen, daß wir sie fast als die erste Stufe der menschlichen Entwickelung anzusehen hätten. Bei den uralten großen Culturvölkern, den Jn- *) S. unser Werk: 290 ff. „Weltbewegende Fragen" Th. I dern und den Aegyptern, erscheint der gesetzliche Zwang in härtester Weise als Basis ihres gesellschaftlichen Lebens. Wir können uns eine Zeit der gewerblichen Freiheit bei ihnen wohl als vorausgehend denken, wissen aber von einer solchen nichts. Gerade diesen gegenüber tritt die mosaische Gesetzgebung mit völliger Freiheit ganz originell auf, und erweckt dadurch um so mehr unsre Bewunderung, als wiederum von anderer Seite bei dem israelitischen Volke die gewerbliche Thätigkeit nicht in der Mißachtung stand, wie später im Westen bei Griechen und Römern. Das Nichtvorhandensein von Beschränkungen und das Vorhandensein der einzigen Beschränkung hinsichtlich der freien Bewegung von Grund und Boden erweisen hierbei, daß das Stillschweigen nicht blos einen negativen, sondern auch einen positiven Werth hat. Das uns vorliegende Werk des Herrn Du Mesnil- Marigny, eines in Frankreich rühmlichst bekannten nationalökonomischen Schriftstellers, versucht nun die noch, vorhandene Lücke hinsichtlich der bedeutendsten antiken Völker, der Inder und der Aegypter, der Israeliten und der Griechen, auszufüllen. Wir erkennen schon hier an, daß seine Darstellung auf gründlicher Forschung und Untersuchung, sowie auf völliger Vorurtheilslosigkeit und Klarheit der Anschauung fußt. Er ist principiell weder ein Anhänger der Protection nach der unbedingten Freiheit; er räumt den Verhältniffen nach Zeit und Ort ihre Zugeständnisse ein. Dennoch müffen wir eingestehen , daß seine Darstellung ächter wiffenschaftlicher Form, und strenger systematischer Ordnung entbehrt. Unsre Nachbarn können sich in der Regel zu sorgfältiger Einhaltung genau geregelten und streng logischen Zusammenhangs, sowie scharfer Gruppirung des Stoffes nicht bequemen, und haben mehr das bleibende Jntereffe des allgemein gebildeten Publicums im Auge. Dies geht uns aber wenig an; vielmehr suchen wir zu erkennen, welche Ansichten der Verfasser über die Nationalökonomie Judäa's ausspricht und verbreitet. Da er eben nur dies im Auge hatte, so konnte und mußte er vom theologischen Standpuncte absehen und sich von der Frage, ob supranaturalistischen Ursprungs oder nicht? fern Hallen. In der Verbindung dagegen, in welcher er seinen Gegenstand betrachtete, in der Vergleichung mit den Hauptvölkern des Alterthums, verließ ihn auch jedes Vorurtheil zu Gunsten oder zu Ungunsten des Volkes der Offenbarung, und in der Würdigung