Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1872)
- Date
- 1872-07-09
- Page
- Seite 561 (sequence 19)
- Language
- German
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das allein für Gottes Wort Hallen, was ihnen die Rabbinen vorblauen (?!), ja auch nit anderst dürfen bei Verlust ihrer Seligkeit. .. werden also die arme (!) Leut von den Rabbinen mit der Nasen herumb gedrehet und genarret nach all ihrem Lust. Ja die aller ungeheuerste ungeschwungene Lügen wie grob sie nur die Rabbinen erdenken mögen, seynd ihnen lauter Heyligthumb, lesen sie mit Andacht und ärgern sich so man deren im geringsten verachtet; denn es ist ein hochmüthig Volk und trägt einen heimlichen übermachten Stolz, weil sie allein vom Geblüt Abraham und Gottes Volk sein wollen. dannenhero sie die Nase heftig rümpfen, wenn man ihr vermeyntes Heiligthumb verachtet, und wenn die Flüche welche sie im Herzen wider uns schöpfen, alle sollten ergehen, würde fürwahr keiner den morgenden Tag erleben, wie dessen klare Zeugnuß gibt der getaufte Jüd Ernst Ferdinand Heß (!) in seinem Buch „Jüdengeisel"; und damit man solches nicht vor ein Feindszeugnuß ausrufen möchte, beweisetß ein ander getaufter gelehrter Jüd (!) Christian (!!) Gerson aus ihren eigenen Büchern." Man sieht ordentlich das innere Vergnügen, welches der Professor empfindet, indem er das Maasebüchlein secirt; vielleicht ist es die Fiction, daß er einen lebendigen Juden vor sich habe, dem er Glied für Glied vom Leibe schindet oder den er langsam am Feuer röstet, vielleicht ist es diese Fiction, die ihn so teuflisch beherrscht, daß er vor Wuth beinahe überschnappt. „Wir. wöllen unterdessen ein wenig besehen ihre Tandmährlein, davon sie so viel halten, welches sie uns nit verdenken werden; denn es ist ja bräuchlich, daß man stattliche Palast, Gebäu und sonsten was köstlich und denkwürdig ist, bestehet und sich damit belustiget, so werden sie auch uns nit mißgönnen, wenn wir ihr h. Gauckelspiel und andächtiges Fabelwerk besichtigen, welches sie noch übrig haben von ihrem Königreich, darauff sie so hoch pochen und trotzen, auch wieder aufzurichten gedenken. Zu dem Ende Hab ich mich vor eim halben Jahr unternommen ein jüdisch Legendenbüchlein in teutsch zu verfertigen; damit man nun etwas weitern Bericht davon haben könnt, Hab ichs auff Begeren vor dißmal weiter continuiret samt beigefügten kurzen notis, wie man die Rabbinen in ihren Lügen könnt wohl ertappen und den Jüden zeigen, auf welch schändlich Lügenwerck sie von ihren Rabbinen geführet werden." Diese Noten nun sind das Köstlichste, was mir schon lange Zeit auf dem Gebiet der Komik begegnet ist. Dabei versichert er uns noch, „daß diese noiae fast alle ex tempore dazu gemacht seynd." „Vernünfftige Leute (be-) dörffen deren für sich überall nichts," sagt er; „aber umb der Jüden willen, so jemand Lust hatte mit ihnen davon zu reden, daß man ihnen ihr Lügenwerk für die Nasen legen könne, habe ich hiermit etwas Anleitung geben wöllen." Und um nun die Leser möglichst unvermischt das Aroma dieses Narrenweins kosten zu lassen, müssen wir ihnen einige Originalpröbchen mittheilen; wir^ können ihnen unmöglich alles hier wiedergeben, aber „das Beste", das Heiterste soll ihnen werden. (Fortsetzung folgt.) Das englische Volk und die Juden um 1750. Bekanntlich ist den Juden in England unter Cromwell die Niederlassung zuerst wieder gestaltet worden. Indessen ihre Anzahl war eine noch sehr geringe. Im Jahre 1753, unter der Regierung Georgs II. und unter dem Ministerium des Herzogs von Newcastle, wurde ein Gesetz eingebracht, welches den fremden Bekennern der jüdischen Religion die Naturalisation durch Parlamentsbeschluß erlaubte. Der berühmte englische Historiker Lord Mahon berichtet über das Schicksal dieses Gesetzes*): „Es ging nicht durch ohne einige scharfe Debatten und allgemeine Gährung im Lande. Man behauptete, solche Einrichtungen für die Juden würden zur Beeinträchtigung des christlichen Glaubens dienen, sowie den Ungläubigen Proselyten zusühren und so schließlich den Sturz der Kirche herbeiführen, das Königreich mit Wucherern, Bankerottirern und. Bettlern überschwemmen, die niederen Claffen ihres Geburtsrechtes durch fremde und ungeziemende Concurrenz mit ihrer Arbeit berauben. Ja, noch mehr; verschiedene Personen scheuten sich nicht anzuführen, daß solch ein Gesetz geradezu der Prophezeiung in's Gesicht schlüge, welche erklärte, daß die Juden ein zerstreutes Volk, ohne Heimath und festen Wohnsitz, sein sollten. Diese Schrifterklärer beachteten nicht, daß wenn eine solche Verkündigung in dem Sinne, in dem sie dieselbe auffaßten, in der heiligen Schrift gemacht, wäre, es in der Macht niemandes und keiner menschlichen Körperschaft stehen würde, sie durch irgend eine Handlung Lügen zu strafen. Noch weniger waren sie von dem Gefühle beseelt, dem in einer dieser Debatten Lyttleton einen trefflichen Ausdruck verlieh: „Der, welcher einen andern haßt, weil derselbe kein Christ ist, ist selbst kein Christ." Die Gährung, die einmal unter dem Volk entstanden, war nichtsdestoweniger trotzig und keinem Vernunftgrunde zugänglich. „Keine Juden! Keine Juden! Keine Holzschuhe!" wurde ein Lieblingsruf — oder, wie manche glaubten, ein gewichtiges Argument. So z. B. brachte die Abstimmung zu Gunsten dieses Gesetzes Herrn Sydenham um alle Unterstützung von seinen Wählern in Exeter. Vergebens veröffentlichte er eine Erklärung, die in Abrede stellte, daß er irgend eine Vorliebe für die jüdischen Lehren habe, indem er zum Beweise anführte: er sei oft an Sonnabenden gereist. In der Diöcese Norwich wurde der Bischof, weil er die Maßregel unter- *) Historyof England 1713—1783; Tauchnitz ed. vol. IY. (Leipzig 1853) p. 25. f.