Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1872)
- Date
- 1872-07-09
- Page
- Seite 559 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage;u Nr. 28. Lei'pzig, den S. Juli 1872. Profeffor Helvims in Gießen und das „Maase-Buch." Von Löw enstein. Wir sind nicht egoistisch genug, um das Amüsement, daß uns die Lectüre eines Büchelchens auS dem Anfänge des 17. Jahrhunderts gewährt hat, in uns zu verschließen, sondern möchten auch weiteren Kreisen Kunde von dem Products eines gießener Gottesgelahrten geben, der sich gewiß nie eingebildet hat, daß eine jüdische Zeitung später sich über seine Schrift lustig machen wird, über seine Schrift, durch die er anno dazumal die Juden nicht nur lächerlich zu machen, sondern beim Volke in Mißkredit zu bringen hoffte. „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!" Difficile est satyram non scribere! Ein ernsthafter gießener Theolog setzt sich hin und übersetzt das bekanntlich früher in jüdisch-deutschem Dialect geschriebene Maasebuch in „gutes Deutsch", versieht jede Erzählung mit Anmerkungen und gibt das Ganze heraus unter dem Titel: „Jüdische Historien oder Thalmudische Rabbinifche wunderbarliche Legenden so von den Jüden als wahrhafftige und heylige Geschicht(!) an ihren Sabbathen und Feyertagen gelesen werden. Darauß dieses verstockten Bolcks Aberglauben und Fabelwerck zu ersehen. Auß ihren eigenen Büchern in Truck-Teutsch verfertigt von neuem übersehen und corrigiert durch Ckristopbornm Helvicum, der H. Schrifft und Hebräischen Sprach krokessorem in der Universitet Giessen. Im Jahr M6XN." DieS der langathmige Titel des Merkchens. Das Komische in der Situaüon liegt nun darin, daß der Profeffor steif und fest glaubt, die „Jüden" Hallen diese Legenden für „wahrhafftig und heylig" und daß er, wie wir an Beispielen sehen werden, alle Kunst der Dialektik aufbietet, um die Unhaltbarkeit dieser naiven Erzählungen nachzuweisen. Zunächst jedoch fühlt er selbst, daß es auffallend erscheinen könnte; daß er sich gerade mit einer solchen Arbeit befasse; er sagt daher in seiner Vorrede: „ES ser nichts so böse, das nicht zu etwas könne gut sein. Darumb so es jemandMelleichtIWunder nehmen möchte, warumb er vor vielen andern Sachen, darinnen man nützlich arbeiten kann, jetzund eben diese Jüdische Mährlein vorgenommen habe und die Zeit damit zubrintzen wollen, da doch sehr wenig Nutzen dannenhero scheinet zu gewarten sein (denn möcht jemand sagen, was gehet es mich an was die Jüden gläuben, was gibt over nimpt mirs?) — ist es zwar an dem, daß die Fabeln an sich alber unv lächerlich genug feind, auch nicht viel daran gelegen man wisse sie oder nicht, were wohl am besten, daß sie nie erdacht oder geschrieben wärest oder so bald verbrennet worden — (denn man aus denselben wohl stehet, wie die Rabbinen darunter dieses suchen, daß nur die Jüden in. ihrem Aberglauben gehalßstarriget werden), gleichwohl aber weil dieses eine nicht geringe Straff Gottes ist an dem verstockten Volk, daß sie nunmehr solchen greifflichen Lügen gläuben und gleichsam vor Heyligthumb halten, demnach sie himmlische Wahrheit von sich gestoßen und gelästert, auch noch täglich lästern: Kann es je nicht schaden, daß man Gottes gerechtes Gericht desto besser zu erkennen und daran sich zu stoßen an Tag bringe solche ihre Blindheit und Lügen: sonderlich weil sie nicht eben gern sehen, daß Christen umb solche und dergleichen Sachen Wissenschaft haben." Wie malitiös! Obwohl nun der Profeffor weiß, daß Ausgaben dieser Legenden bereits existiren, so sind ihm diese Nicht deutsch genug, und auf Anregen „guter" Freunde hat er sich vorgenommen dieselben „in gantze Teutsche Sprach zu bringen"; denn „jene Ausgaben seien mit viel rabbinischen thalmudischen Wörtern allenthalben „dstrchspicket" und in ihrem Deutschen sehr undeutsch und unverständlich." Es scheint auch jemand den Profeffor darauf aufmerksam gemacht zu haben, daß die Juden diese Legenden nicht als Dogmen betrachten; allein er läßt sich nicht irre machen. „ES irret mich aber gar nicht," sagt er, „daß sie sagen werden, dieses ihr Buch sei nur vor Kinder gemacht, w i e e t w a e i n e r gegen m i r Verla u 1 e n l i e ß. Denn sie halten es gleichwohl für wahrhafftige Geschicht und gläuben sie, wie aus den ihrigen selbst bekennen, die sö Christen Würden s e y n d (aha!), deren viel vornehme und gelehrte Leut