Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1872)
- Date
- 1872-07-09
- Page
- Seite 554 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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die Wahrheit, Denn nirgends wohl, außer etwa in Rumänien , ist der? Haß und das Vorürtheil gegen uns noch so stark,, wie just — wir können ja ganz offen sprechen! — in der christlich-polnischen Bevölkerung aller Stände*), und erst der russischen Regierung haben wir es zu danken, daß wir hier eine menschenwürdige und staatlich gleichberechtigte Stellung einnehmen. . . Das Project , eine neue prachtvolle Synagoge zu erbauen , die sowohl unserer Stadt wie unserer Gemeinde würdig ist, rückt seiner Verwirklichung immer näher. Nachdem bereits zu diesem Zwecke eines der schönsten Grundstücke Warschaus zum Preise von circa 60,000 Rubeln erworben worden, hat die Regierung nunmehr auch ihre Genehmigung dazu ertheilt, durch Ausgabe von Actien die nöthigen Baufönds aufzubringen. Ebenso wendet sich der Wohlthätigkeitssinn einzelner Gemeindemitglieder mit Vorliebe dieser Angelegenheit zu, die gewiß mit größtem Rechte gegenwärtig unsere jüdischen Kreise aufs lebhafteste bewegt. So hat vor kurzem Herr Banquier Wavelberg die bedeutende Summe von 2OVO Rubeln zum Synagogerrhau gespendet; auch der unlängst verstorbene Herr Lson Löwenberg hat testamentarisch 10,000 Rubel zu gleichem Zwecke vermacht, indeß leider unter der Bedingung, daß in dem neuen Tempel keine Orgel angebracht werde. Diese Clausel dürfte aber aller Wahrscheinlichkeit nach den Vorstand zur Verzichtleistung auf die allerdings ansehnliche Gabe bestimmen, da es in der Absicht der leitenden Kreise liegt, allen gegeutheiligen Machinationen zum Trotz, in dem neu zu erbauenden Tempel gleich vorweg einen Gottesdienst einzurichten, der allen höheren Ansprüchen der Gegenwart aus eine solche Stätte der Andacht zu genügen geeignet ist. Die Umsicht und Festigkeit, ganz besonders aber has tiefe Verständniß und der lebhafte Sinn für die Würde des Judenthums , wodurch sich unser jetziger Gemeindevorstand und namentlich der Präsident desselben, Herr Dr. Natanson, anszeichnet, bürgen uns dafür, daß auch diese brennende Frage wie so manche andere, die unsere Gemeinde bereits beschäftigt hat und noch beschäftigt, zur vollsten Befriedigung aller derer ausgetragen werde, die ein heiliges Interesse für die Ehre ihres Glaubens haben. . *) Und doch trifft zumeist wohl die polnische Nation die Hauptschuld an dertheilweisen Verwilderung der Juden in manchen Ländern Europas. Palästina. Berlin, im Juni. Die hiesigen Blätter schreiben: Professor vr. Graetz aus Breslau, Kaufmann Ascher Levy aus Polzin in Pommern und Kaufmann M. Gottschalk von hier haben eine Reise nach Palästina unternommen und veröffentlichen jetzt, von dort zurückgekehrt, eine Denkschrift über die Zustände der jüdischen Gemeinden in Palästina, besonders in Jerusalem. Diese Denkschrift hat in so fern ein Interesse, weil sie darthut, daß es den dortigen Juden, gegenüber denen anderer Staaten, an jeder Cultur fehlt. Die jüdische Bevölkerung in Palästina zählt nur 16,000 Seelen, welche meist mittellos sind und von Unterstützungen leben, die aus Europa, Asien, Amerika und Australien fließen. Trotz der immer reichlicheren Unterstützung nimmt die Armuth zu, und dies liegt an Folgendem. Die Juden betteiben dort weder Großnoch Kleinhandel, Handwerker gibt es fast gar nicht. Neben dem Elend herrscht bei ihnen durchgängig körperliche Schwäche und Unanstelligkeit zur Arbeit. Diese Schwäche kommt von einem Uebel, welches tief eingewurzelt ist, nämlich von der Verheirathung von Kindern mit einander; Knaben zwischen 13 und 15 Jahren und Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren werden mit einander ehelich verbunden. Ein. anderer Uebelstand, der in der Denkschrift näher erörtert wird, ist die ungerechte Vertheilung der Almosen, und dann der Müßiggang. Uw diesen traurigen Zuständen abzuhelfen, schlägt die Denkschrift vor, daß die Almosengeber Gelder zur Unterstützung nur unter gewissen Bedingungen geben: daß sie richtig an die Hülfsbedürftigen vertheilt werden; besonders möchten diejenigen von jeder Unterstützung ausgeschlossen sein, die unter dem 18., resp. unter dem 16. Jahre heirathen, und die, welche ihre Kinder nicht eine bestimmte Zeit zur Schule gehen lassen. Waisenhäuser müssen gegründet und Schulen angelegt werden. Wie dies auszuführen ist, legt die Denkschrift näher dar. (Man ersieht hieraus, daß diese Reisenden nichts Neues, was nicht längst in Ludwig August Frankl's bekanntem Reisewerke ausführlich mitgetheilt worden ist, mitgebracht haben. Die Kunde von diesen Zuständen ist längst verbreitet, die Mittel zu einer vermeintlichen Abhülfe sind genügend angegeben worden, ohne ausgeführt zu werden, oder soweit sie ausgeführt wurden/ wirklich Äbhülfe zu schaffen. Was die obengenannten