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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-06-04 · Heft 23 (4.6.1872) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 23 (4.6.1872)
Date
1872-06-04
Page
Seite 458 (sequence 18)
Language
German
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da beginnt das Herz mitzusprechen, da wird die Zauberruthe des Gefühls ausgestreckt, durch das Herz die Phantasie entzündet, und nun erst hebt das eigentliche Werk des Redners an, nicht blos den Verstand, sondern den ganzen Menschen zu fassen, zu ergreifen, hinzureißen. Eine Ueberzeugung gründet sich niemals auf den Verstand allein. Bleiben doch überall Hinterpförtchen offen, durch welche wahre oder scheinbare Gegenbeweise, Syllogismen rc. den Verstand des Hörers wieder hinausführen können. Eine Hauptstütze der Ueberzeugung ist stets die innere Empfindung des Menschen, die ihn bei seinen Ansichten erhält, selbst wenn sie durch den Sturmbock des. Verstandes fast brüchig geworden. Es ist daher von entschiedener Wichtigkeit, daß der Redner auch das Gefühl seiner Hörer in Anspruch nimmt, und dieses zu seinen beigebrachten Behauptungen und Beweisen herüberzieht. Welcher auch der Eindruck eines Redners sei, er wird erst dann vollständig und nachhaltig wirten, wenn er auch verstanden hat, die Herzen der Hörer zu erwärmen und ihre Einbildungskraft über den gewohnten Standpunkt zu erheben. Man wird einwenden, daß es ja auf den Gegenstand selbst ankomme, ob er auch mit dem Herzen auszufassen, ob ihm Einwirkung auf das Gemüth abzugewinnen sei. ^Jch möchte diesen Einwand nicht gelten lasten. Es giebt keinen solchen Gegenstand. Selbst wo wir es z. B. mit einem mathematischen Lehrsätze und Beweise zu thun haben, vermögen wir durch die Befriedigung des Verstandes ein wohlthuendes Gefühl geistiger Behaglichkeit hervorzubringen, geistiger Befriedigung, wenn wir es verstehen, dem Verstände seinen eigenen Weg klar zu machen, das Bewußtsein des Verständnisses und der Verständigung zu wecken. Ich habe Redner gehört, die über ganz abstracle oder der einfachen Verstandeslhätigkeit, dem Begriffsvermögen unterliegende Gegenstände handelten, und bei ihrer eigenthümlichen Begeisterung für diese die Hörer durch die begeisternde Aussprache ihres ästhetischen Wohlgefallens oder ihres kritischen Mißbehagens hinzureißen vermochten — gerade ebenso wie kalte Geister die sentimentalsten Gegenstände, weil sie innen keinen Resonanzboden für sie hatten, so frostig besprachen, daß die Zuhörer abgestoßen werden mußten. Hierzu kömmt, daß eben Gefühl und mit ihm Einbildungskraft allein dem Gegenstände Mannichfaltigkeit, Vielgestaltigkeit zu gewähren vermag, welche, ohne irre zu führen, jene Monotonie verscheucht, welche das Grabgeläute jeder Rede bedeutet. — Man wird nun sagen, wie soll der Mensch zu einem so warm schlagenden Herzen kommen, wenn er es nicht von selbst besitzt? Darin liegt etwas Wahres, und ich brauchte nur kurz zu erwiedern : es ist ja eben nicht jeder ein Redner, und die gebornen Redner sind nur selten. Allein dies reicht nicht aus. Ich glaube vielmehr, daß, wenn auch nicht bei allen, doch bei vielen Menschen auch das Gefühl entwickelt, gesteigert und gebildet werden kann. Es gilt von Anfang an demjenigen, der sich zum Redner bilden oder der überhaupt öfter sprechen will, den Wink .zu geben, daß er die Gefühlsscite seines Gegenständes nicht vernachlässigen dürfe, daß er bei Erwägung desselben während der Vorbereitung seiner Rede nicht blos in die Schachte seines Verstandes, sondern auch in die Stollen seines Gemüthes hinabsteigen müsse. Er muß wissen, daß er sich selbst für seinen Gegenstand zu erwärmen habe, wenn er andere dafür erwärmen will. Dieser Fingerzeig wird für den angehenden Redner nicht ohne Nutzen sein,, und wie sich alles am Menschen unter der Einwirkung des Bewußtseins leichter und voller entwickelt, so auch das Herz im Redner, wenn er dessen Wichtigkeit zu würdigen gelernt hat. Lassen Sie mich, theurer Freund, nun noch zu einer dritten Forderung kommen, und zwar einer solchen, durch welche die beiden ersten erst ihre ganze Richtigkeit erhalten. Dem Redner ist vor allem der alte Spruch zu empfehlen: sit modus in rebus, „halte Maß in allen Dingen!" Es wird erzählt, Luther habe einmal einem ' Kandidaten, der ihn um Unterweisung gebeten hatte, wie er ein tüchtiger Redner werde, geantwortet: '„Tritt frisch auf, sperr' das Maul auf, und höre bald wieder auf!" Ich möchte diesen lutherschen Spruch in die angeführte Regel verwandeln. Doch nicht die Zeitdauer ist es, welche sorgfältig zu berücksichtigen ist. Wir wiffen, daß oft zur rechten Zeit ein kurzes Schlagwort mehr wirkt und sich tiefer in die Anschauungen der Menschen einwühlt, als eine lange Rede. Im Gegentheil aber bedarf es doch einer eingehenden Auseinandersetzung, einer gewissen Erschöpfung des Gegenstandes, einer längeren Spannung der Geister, um einen entsprechenden Eindruck zu machen. Jeder Redner schafft gewissermaßen eine Atmosphäre, in welche er seine Hörer versetzt, seine eigene Äeistesluft, die er sie athmen läßt. Es bedarf da einiger Zeit, bis sich die Hörer accommodirt haben, und sie müssen in derselben längere Zeit erhalten bleiben, um sie nicht wie einen leichten Windstoß schnell und spurlos an ihnen vorübergehenzu lassen. Im weiteren Sinne erkennt man dies, wenn Leute lange Zeit einen und denselben Redner gehört, einen und denselben Künstler gesehen haben, vorausgesetzt, daß diese immerhin etwas tüchtiges leisten. Es wird dann einem anderen Redner oder Künstler schwer, bei jenen ein gleiches Wohlgefallen hervorzurufen Die Gewohnheit wird zur anderen Natur und Überwindet selbst das Verlangen nach Abwechselung. Wie im ganzen, so auch im einzelnen. Der Redner, der zu kurz spricht, wird geringeren Eindruck zurücklaffen, weil derselbe nicht tief genug geworden ist. Die Hörer müssen sich erst an das Organ, an die Rede- und Denkweise des Sprechers gewöhnen, ehe die Zugänge ihres Geistes weit genug geöffnet werden, um den Redner einziehen und sich eine bleibende Stätte darin gewinnen zu lassen. -- Ich habe etwas mehr über den Nachtheil zu kurzer Reden gesprochen, weil ich wohl kaum genöthigl bin, die Schädlichkeit zu langer Reden zu erweisen. Die ganze Welt außer dem langathmigen Redner selbst weiß, wie ein langer Redner schließlich immer ein langweiliger

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