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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-06-04 · Heft 23 (4.6.1872) · p. Seite 457

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 23 (4.6.1872)
Date
1872-06-04
Page
Seite 457 (sequence 17)
Language
German
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Femüeton-Mlage M Rr. 83. Leipzig, den 4. Juni 1872. Vertrauliche Briefe. XI. UeLer Redekunst. Allerdings glaube ich über alles, was die Redekunst betrifft, einiges Urtheil und zwar nicht aus der Theorie, sondern aus der Erfahrung und eigenen Uebung gewonnen zu Haben. Habe ich doch neben der Kanzelberedsamkeit, die mein Beruf war, öffentliche Vorlesungen gehalten, die ihres Gegenstandes, wie ihrer Zuhörerschaft wegen nicht ohne allen Aufwand rednerischen Schmuckes bleiben durften, in vielen politischen und socialen Versammlungen, überhaupt wo Gegenstände debattirt wurden, geredet, habe vor ganz kleinen Kreisen und vor Tausenden gesprochen, in'engen und weiten Räumen, sowie im Freien, vor erhitzten Gemächern, die zu beruhigen, vor trägen, die anzufeuern waren. Ich bemerke dies, um schon hier anzudeuten, wie mannichfaltig das Reden ist, und daß jede Art und jede Bedingung ganz verschiedene Anforderungen stellt, eine ganz verschiedene BehandlungSweise verlangt. Demungeachtet giebt es auch ganz allgemeine,Ansprüche, die an den Redner gestellt werden, und ohne deren Erfüllung jemand gar kein over dock nur in beschränkter Weise ein guter Redner sein kann. -Die erste solcher allgemeinen Forderungen ist das Selbstvertrauen. Die Furcht hat ganz specifisch einen Einfluß auf die Kehle, auf alle Sprachorgane. Furcht und Angst schnüren gleichsam die Kehle zu, trocknen, die Mundhöhle aus, lasten die Sprachorgane ihren Dienst versagen. Aber ebenso wirken sie verwirrend auf den Geist, legen den Gedanken Feffeln an, zerstören ihren Zusammenhang, machen das Gedächtniß leistungsunfähig. Was nun an Furcht und Angst streift, übt einen deprimirenden, hemmenden Einfluß auf den Redner. Die Zaghaftigkeit verhindert jede freie Bewegung, jeden Aufschwung. Die Besorgniß stecken zu bleiben ist die nächste Ursache zu einem so fatalen Begegniß und macht jedenfalls den Redner schleppend und unsicher, wodurch er den' besten Erfolg seiner Bemühung sich selbst abschneidet. Darum ist Selbstvertrauen eins der ersten und wichtigsten Erfordernisse eines Redners. Wer mit der Sicherheit zu sprechen anhebt, daß er das, was er aussprechen will, auch aussprechen werde, der gelangt auch richtig zum Ende. Sein Sieg als Redner hängt hiervon allein nicht ab, aber entbehrt kann es nicht werden und den Weg eröffnet es, um den Succeß möglich zu machen. —Wie man dieses Selbstvertrauen erlange, das ist schwer zu sagen. Wie Nelson auf jeder neuen Seefahrt die. Seekrankheit bekam und sie drei Tage lang aushalten mußte, so verliert mancher Redner durch sein ganzes Leben hindurch eine gewisse Angst vor dem Beginne nicht. Er muß sie immer wieder überwinden. Aber der geborne Redner zeigt sich darin, daß, sobald er zu reden begonnen, alle Zaghaftigkeit von ihm weicht unv er sich ganz und gar in der Uebung seiner ihm einwvhnenden . Kräfte fühlt. Bei wem dies nicht der Fall ist, bei wem ein Schatten der Besorgniß über seinem Redeacte bis zu Ende liegt, der kann wohl, wenn es sein muß, eine Rede halten, aber ein Redner zu werden gebe er auf. Bei aller Selbstbeherrschung wird es, nur etwas Gezwungenes bleiben, und dies ist auf der Rednerbühne nicht an seinem Platze. Allerdings ist die. Uebung die eigentliche Mütter des Selbstvertrauens. Es wäre ein großer Verlust, wenn diejenigen Jünglinge und Männer, welche zu reden Furcht empfinden, für immer davon abstehen wollten. Bei wiederholten Versuchen wird diese Beängstigung abnehmen, und, sollte sie sich niemals ganz verlieren, doch genügend abschwächen, um nicht mehr störend einzuwirken. Es ist dies gerade so, wie hei dem Sprechen einer fremden Sprache, wo die Befürchtung, sich nicht oder nur falsch ausdrücken zu können, die Zunge mehr oder weniger oder ganz lähmt, mit der Uebung aber das Selbstvertrauen kommt und hiermit die Befähigung, die fremde Sprache geläufig zu sprechen. Ein zweites allgemeines Erforderniß für den wahrhaften Redner ist — das Herz.?eetu8 facit oralorem, ,,ba§. Herz macht den Redner," ist ein Ausspruch der Alten, und zwar ein durch und durch wahrer. Allerdings ist eine klare und bestimmte Auseinandersetzung, eine verstandesmäßige Erörterung und Beweisführung nothwendig, ein reicher Gedankenstoff für den Redner unentbehrlich; aber wo der Lehrer, der Advocat, der einfache Berichterstatter re. aufhört, da sängt erst der Redner an,

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