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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-05-14 · Heft 20 (14.5.1872) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 20 (14.5.1872)
Date
1872-05-14
Page
Seite 404 (sequence 20)
Language
German
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weniger Gelehrte unter, den. Juden geben als früher. Auch ist die Behauptung, die dem Baron Bunsen in den Mund gelegt wird, daß die Hälfte aller deutschen Unterrichtsprofessoren Judenseien*), eine' viel zu plumpe Uebertreibung, als daß wir glauben könnten, daß sie der gelehrte Diplomat jemals gemacht habe.) „Als Beweis der Gunst, in welcher die Juden jetzt in England 'stehen, werden mehrere Vorfälle von kleinerer und größerer Bedeutung angeführt. Bei einer feierlichen Ceremome. im St: James Palast sei eine von einem Rabbi Marks gehaltene Rede von dem ganzen Hofe und allen'Anwesenden auf das Lebhafteste beklatscht worden, während man die der übrigen Klerisei unbeachtet ließ. Bei einem Versuche des anglikanischen Klerus, den Juden zu verbieten, ihre Verkaufsbuden am Sonntag Morgen in einem gewissen . Stadttheile in London offen zu halten — ein Privilegium, das ihnen seit vielen Jahren als Aequivalent für den den Geschäften verlorenen Samstag gestattet wurde — habe sich das Volk und die Justiz auf Seite der Juden gestellt, und ein Quäker, Namens Spencer Watson, ein Mann von großer literarischer Befähigung, habe unter allgemeinem Beifall eines christlichen Auditoriums Shylock vertheidigt, der als Rächer seiner bedrängten Race ein Stück Fleisch aus dem Leibe seines Gegners dem Empfange des ihm angebotenen Geldes vorgezogen habe. Mehr als alles andere beweise aber dies die einsichtsvolle Toleranz der Engländer, daß man von allen Seiten die an Juden angestellten Bekehrungsversuche gewisser Secten mit Spott übergieße. „Dies alles sind erfreuliche Beweise des Schwindens eines Borurtheils, das, wo immer es bestand, auf Unwissenheit beruhte und auf die niedrigsten Leidenschaften der Menge berechnet war. Jedoch muß man nicht verkennen — und dies beweist auch wieder die obige Angabe von den geringen Verdiensten der englischen Juden im Gegensätze zu denen der deutschen um die Wissenschaft und . die freien Künste — daß das englische Volk einen großen Werth bei Beurtheilung der Menschen auf ihre Häuslichkeit und auf ihren Wohlstand legt. Diese Eigenschaften der Juden und . diese ihre Zustände, die sich in der englischen Atmosphäre ganz besonders günstig entwickeln konnten, haben einen großen Antheil an der Gunst, in welcher dort die Juden jetzt stehen. Die reichsten Juden treiben den unsinnigen Luxus nicht und führen das Schlemmerleben in allen seinen Ausschweifungen nicht, gegen welches sich der Kankpf der gebildeten und rechtschaffenen Leute in England, hier und aller Orten erhebt. Man zieht in den Juden in England daher die Menschen vor, gegen welche diese Vorwürfe nicht gerichtet werden können — ob deß- *) Hier werden die. getauften Juden mitgerechnet. * Redaction. wegen gegen die Juden bestehende Vorurtheile anderer Art gänzlich verschwunden sind, dies ist eine andere, wenn gleich viel weniger wichtige Frage. Wen manso cardmaler Eigenschaften wegen ehren muß , der kann sich es wohl gefallen lassen-, wenn er wegen unbedeutender Nebenpuncte in seinem Wesen Idiosynkrasien erregte /Sie machen meistens doch weder kalt noch warm." Der Franzose Gaussen erzählt in seinem iWerke: les Juifs 6vang61is6s enfin bientot r6tablis. Toulouse, 1851. S. 89: „9m Jahre 1808 geschah es, daß ein reicher, edelgesinnter und frommer Mann in England, Lewis May, Gutsbesitzer und zugleich Geistlicher, eines Tages' mit einem seiner Freunde einen Spazierritt in Devonshire machte, und da sie an einem Parke vorbeikamev, einige stattliche Bäume desselben bewunderten. Sein Begleiter erzählte ihm, daß die Eigenthümerin dieses Parkes den sonderbaren Einfall gehabt habe, in ihrem Testamente zu verbieten, daß-jemand diese Bäume ümhaue, „ehe .die Juden wieder in den Besitz Jerusalems gekommen seien?/ Diese Worte machten auf Lewis May einen solchen Eindruck , daß er ihrer nicht wieder vergaß. Seit' jenem Tage weihte er sein großes Vermögen vornehmlich der Arbeit für die Bekehrung der Juden. „Die nächste Frucht war die Stiftung der ,-Londoner Gesellschaft zur Ausbreitung des Evangeliums unter den Juden", einer Gesellschaft, welche in kurzer Zeit eine weitverbreitete Wirksamkeit entfaltete. Unter den ersten Mitgliedern befand sich auch der Vater der jetzt regierenden Königin Victoria, der Herzog von,, Kent. Im Jahre 1814 legte dieser den Grundstein zu einer neuen Kirche für die Juden, in welcher noch heute in englischer, deutscher und hebräischer Sprache gepredigt wird. Ueber dem Portal dieser Kirche stehen die Worte: „So wollest du hören im Himmel und gnädig sein der Sünde deiner Knechte und deines Volkes Israel" (1 Kön. 8, 36.) in hebräischer Sprache." Die londoner Gesellschaft für biblische Archäologie hat unlängst aus Aden in Gestalt einer aus dem zehnten Jahrhundert stammenden „Schofer Torah" ein reiches Geschenk für ihre Bibliothek erhalten. Dieses Manuscript ist daS einzige Exemplar des von den adener Judenabkömmlingen der vormuhammedanischen Einwohner gebrauchten Pentateuchs, das bis jetzt seinen Weg nach England gefunden hat. Verlag von Bamngärwer'S Buchhandlung iu Leipzig. — Druckvon F. B. Hirschfel-. Verantwortlicher Redacteur H. Lotze.

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