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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-05-14 · Heft 20 (14.5.1872) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 20 (14.5.1872)
Date
1872-05-14
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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Meine Herren! Zu dem bedeutendsten geistigen Erwerbe unserer Zeit gehört die geschichtliche ErkenntnU daß keine besonderejaspecifische geschichtliche Erscheinung ihre Geburt und ihr Dästin alleinaus sich selbstgezögert hat, daß vielmehr eine solche doch nur durch eine Versenkung des allgemeinen Geistes in die speciellen Elemente und deren Gefüge wird, aus denen diese besondere Erscheinung besteht. Wird doch, je weiter wir in die Vorzeit eindringen, durch die Sprache geleitet, durch die Denkmäler aufgeklärt, desto erkennbarer ein Boden, aus dem alles Menschliche erwachsen' ist. Ferner erkennen wir, daß jede besondere Erscheinung, wenn ste sich abschließt und auf ^sich selbst zurückzieht, nothwendig einen einseitigen Verlauf nimmt, der bis zur Entartung führt, daß sie daher von Zeit zu Zeit einer abermaligen Berührung mit dem allgemeinen Geiste bedarf, um sich zu verjüngen und neu zu gestalten. Vermag sie dies zu vollbringen, dann giebt sie für die in ihr vorhandene Lebenskraft vollgütiges Zeugniß. Dies ist wahrhaft geschichtliche Fortexistenz durch geschichtliche Wiedergeburt. Auchhier gilt das allgemeine Gesetz des Austausches, des Gebens und Empfangend: das Besondere ist wirksames Glied der Gesammtheit, und diese lebt'und wirkt für alle. Wollen wir daher zum Verständniß einer geschichtlichen Erscheinung gelangen, so müssen wir sie sowohl nach ihrer Besonderheit und Originalität begreifen, als auch nach ihrem Zusammenhänge mit der Allgemeinheit, nach dem Theile des allgemeinen Geistes, den sie in sich ausgenommen und in ihrem innersten Marke wirken läßt. .Wohlan, meine Herren! Diese heute zu eröffnende Hochschule für die Wissenschaft des Judenthumes, was ist sie, was bedeutet sie nach diesen beiden Momenten hin? Als die WettaNschüuuNg, die wir die mosaische zu nenüen Haben, in Lehre und Gesetz verkörpert, in . das geschichtliche Dasein trat, aus jener Vorzeit tönt uns das Wort entgegen: iaht •’öb N2wr> Nb „Sie wird nicht vergessen werden im Munde der Nachwelt." Und T?b» JiYtt hh'inn ab.. „Diese Lehre wird nicht weichen aus deinem Munde." Dieses Wort ist durch mehr denn , drei tausend Jahre eine Wahrheit ge- Mördetr, und was ä'nders hätten wir in dieser Stunde vor, ctfö ä äberrtlM zu bethätigen und ihm eine neue weite Zükunft zu sichern? Aber, meine Herren! Dies vermochte diese in Lehre und Gesetz verkörperte ÄMänjchäüüng nur dadurch, daß sie in einem beständigen Lebensproeesse sich fortbewegte, dass sie ihren elementaren Inhalt immer wieder dem allgemeines Ghlste zugänglich machte, und in diesem Processe sich wieder gebar und umgestaltete. Möge man dies läugnen wollen, mag man ihre Unbeweglichkeit, ihre Starrheit zum Glaubenssatze machen — die Geschichte lehrt uns das Gegentheil. Sie zeigt uns schon äußerlich in den Jahrhunderten die Gründung immer neuer Institute, die rechtzeitige Uebertragung und Umgestaltung in neuen Lehranstalten, in welchen ein verjüngtes Geistesleben pulsirte: jene alten Prophetenschulen, mit deren Erlöschen die große Synagoge, hierauf die Synedrien in Jerusalem, Jamnia, Sepphoris und Liberias mit dem Patriarchate, die geistesgewaltigen Lehrschulen des Rabbinismus, der Tanaim, Amoraim, Geonim in Palästina und dann in Babylonien , verpflanzt nach Aegypten, Nordafrika, Spanien, Südsrankreich (950), und in immer weiterer. Verbreitung nach Deutschland, Polen, überall hin. Aber auf diesem äußeren Boden, welche innerlichen Entwickelungsphasen, wie verschieden, welcher Wandel in Inhalt und Form, in Charakter und Richtung! Von dem einfachen und schlichten Ausdruck des monotheistischen und doch nationalisirenden Geistes in Lehrspruch und Satzung innerhalb des Pentateuchs, welch ein Schritt zum Prophetismus mit seinen Ergüssen dichterischer, hinreißender Beredsamkeit, heraus lösend aus allen cultuellen Formendie Gotteserkenntniß und die Sittlichkeit, umfassend vom Boden der Nation aus die Völker, die ganze Menschheit mit ihren höchsten und letzten Zielen; zugleich welch ein Schritt von der uralten Symbolik zum unsterblichen Gebetwort der Psalmen, zur allgemeinen Lebensweisheit der Sprüche, zur Behandlung der höchsten Fragen im Hiob! Und wiederum von hier aus welch ein Wandel, welche um eine Erdbreite entfernte Umgestaltung im Labyrinthe des Talmuds! Was die Römer zu derselben Zeit auf dem beschränkten Gebiete des bürgerlichen Rechtes vollbrachten, dasselbe führten die talmudischen Weisen in umfassenderem Geiste aus, indem sie alle menschlichen Beziehungen zu Gott, Welt, NebeNmenschen und des Individuums zu sich selbst als Rechtsfragen behandelten, vom Standpuncte des Jus normirten, und in ein uferloses Meer der Cäsüistik versenkten, aber als ob sie diesen Weltstoff nicht zu überwältigen vermochten, nur auf einander thürmten und in einander schoben. Da brach eine neue Zeit an. Auf europäischem Boden kam man mit dem aristotelischen, später mit dem platonischen Geiste, freilich in ihrem mittelalterlichen Ver-

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