Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1872)
- Date
- 1872-04-30
- Page
- Seite 364 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Glaubensgenossen doch einen sehr' geringfügigen Theil solcher kolossalen Mittel auch -er' jüdischen Literatur zuwenden und nicht verlangen, daß die meist unbemittelten jüdischen Autoren für sie umsonst arbeiten! Wir haben obiges mit der größten Ruhe niedergeschriehen und jeden verletzenden Ausdruck so viel wie möglich vermieden. Wir beabsichtigen auch nicht, hiermit etwa eine Polemik zu eröffnen. Wir haben nur unsere Meinung gesagt, und wünschen, daß ihr Ausdruck auf einen fruchtbaren Boden falle! Vermischtes.; In Dijon starb neulichst ein Jude in einem Hospitale, dessen Vorsteher vorgaben, er habe sich, in den letzten Augenblicken seines Lebens .(vielleicht auch erst nach dem Tode!) taufen lassen, und daher die Leiche auf dem katholischen Gottesacker begraben ließen. Die jüdische Gemeinde erhob dagegen Einwendungen, ließ die Leiche ausgraben und bestattete sie auf dem jüdischen Friedhofe. Jetzt erhebt sich wieder der katholische Klerus hiergegen, und schickt sich an, die Leiche noch einmal der Erde zu entreißen und sie als katholisches Eigenthum seinem geweihten Boden zur Verwesung zu übergeben. Wird auf diesem Wege die Leiche nach jeder instanzlichen Entscheidung deplacirt, so kann sie noch mehrmaligen Transport erfahren! ' Schubin, 25. März. Ein hiesiger jüdischer Schneidermeister denuncirte einen hiesigen jüdischen Fleischer wegen Betrugs beim Staatsanwalte, weil er ihm wider besseres Wissen anstatt „koscheren" Fleisches „trefenes" verkauft habe. Der Staatsanwalt leitete die Untersuchung ein, nachdem ein früher beim Beklagten in Condition gewesener christlicher Fleischergeselle die Behauptung der Anklage eidlich erhärtet hatte. Nach Veröffentlichung unseres ersten Leitartikels,,Gegen > die ultramontanen Scribenten" erhielten wir von Leipzig die „Gartenlaube" Nr. XI zugesandt, in welcher eine treffliche Copie des kaulbachschen Bildes „Peter ArLues"' enthalten ist, begleitet von einem ausgezeichneten Aufsatze „Des Unfehlbaren „heiliger^ Ketzerrichter", auf welchen wir die Aufmerksamkeit unserer Leser lenken möchten. Wir haben eine Beurtheilung des kaulbachschen Gemäldes nicht gegeben , können aber nicht umhin, auszusprechen, daß, mag man sonst von ästhetischem Standpuncte aus sagen, was man wolle ,' selten ein Kunstwerk so viel tief gehenden Affect und mit' größerer, Naturwahrheit ausdrücken! und dabei so künstlerisch. abgeschlossen sein wird, wie dies mit'dem kaulbachschen Werke der Fallist.Der. Meister wollte die Inquisition mit allen ihren Motiven, Proceduren und Wirkungen mit einem male in die ' Erscheinung bringen, und dies ist ihm vollständig gelungen. Der scheußlichste Fanatismus, die niedrigste Habgier, die Herzenshärtigkeit, die durch die Gewohnheit hervorgebrachte Gleichgiltigkeit gegen alles Menfchenleid treten charakteristisch hervor; die blinde Berurtheilung, die scheußlichste Todesart sind angedeutet; der tiefste Schmerz, die Resignation und auch die enthusiastische Ueberzeugung vom endlichen Siege der Wahrheit und dem hereinbrechenden göttlichen Strafgericht sind in allen ihren^Nuancirungen zum Ausdruck gekommen. Das Gemälde ist eine großartige Schöpfung und eine Ehre für den deutschen Genius. Um die Situation , welche unsere Glaubensgenossen in Wien in socialer Beziehung einnehmen, zu charakterisiren, schneiden wir aus den Personalnachrichten der „N. Fr? Pr.", vom 27. März c. folgende Mittheilung heraus: „Am 7. April Mittags findet im israelitischen Tempel in der Seitenstettengasse die Trauung der Baronesse Jella T odesco mit dem Großgrundbesitzer, Herrn auf Klein-Skal in Böhmen, Ludwig Ritter v. Oppenheimer, statt. Am 14. April wird in demselben Bethause Fräulein Clara Lichten st adt, Enkelin der Frau Regina Biedermann, mit dem Juwelier Emil Biedermann getraut, und am 21. April wird sich Fräulein Julie Goldschmied mit dem Bankdirector Hermann Ritter v. Goldschmidt vermählen." Als ein alleinstehendes'und merkwürdiges Factum kann man anführen, daß „Wilhelm der Rothe" von England (1087—1101) die bekehrten Juden zwang, wieder zum Glauben ihrer Väter zurückzukehren und ihr Vermögen constscirte, wenn sie es nicht thaten. Natürlich dachte er hierbei daran, auf welche Weise diese Juden bekehrt worden waren. GeschichÜiche Notiz. Nur eine kleine Notiz, die jedoch, wie ich glaube, für die Leser Ihres Blattes nicht ohne Interesse sein dürfte. In einer Depesche deö österreichischen. Gesandten in Berlin, Fürsten von Reuß, an den Fürsten Kaunitz, Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Wien, vom 7. Januar 1786 heißt es : „Vorgestern ist der berühmte jüdische Gelehrte Moses Mendelssohn an einem Stückflusse jäh allhier verstorben." Wien, 17: April 1872. G. Wolf. " Verlag vyn Baumgartner'- Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. D. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redaeteur ir*. H. Lotze. ' '