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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-04-23 · Heft 17 (23.4.1872) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 17 (23.4.1872)
Date
1872-04-23
Page
Seite 327 (sequence 5)
Language
German
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Stätutendebatte der Vorsitzende den deutsch-israelitischen Gemeindebund als constituirt erklärte. Hierauf erhielt der Stellvertreter des Vorsitzenden, Herr Advocat vr. Emil Lehmann (Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde zu Dresden) das Wort und begründete in beredter Weise den Antrag, eine Adresse an den Fürsten Bismarck zu richten. Das Werk des Gemeindebundes sei ein überaus wichtiges, über jedes locale Interesse weit hinausgehendes. Daß der Bund zu Stande kommen konnte, verdanken wir der endlichen Gründung der deutschen Einheit; er ist gleichsam eine Geburt der deutschen Einheit. Wir sind deshalb dem Manne, welcher besonders zu deren Zustandekommen gewirkt hat, ganz vorzüglich verpflichtet; um so mehr, als unter seiner Leitung die Gesetzgebung des norddeutschen Bundes die völlige Gleichstellung der Juden in den zu jenem gehörigen Gebieten ausgesprochen habe. Die Adresse, mit allgemeinem Beifall ausgenommen, wird zum Behufe einiger redactionellen Abänderungen einer Commission, bestehend aus dem Vorstanve und den Herren Professor vr. Lazarus und vr. Philippsvn, übergeben. Zur Motivirung einer solchen Adrefle berichtete Rabbiner vr. Rahm er, Vertreter der Gemeinde Magdeburg, daß am 26. März der Vorstand der Gemeinde Stettin bei dem Reichskanzler eine Petition eingereicht habe, um die Verwendung deffelben für den Schutz der rumänischen Israeliten zu erbitten. Schon am 2. April erfolgte eine sehr günstige Antwort, in welcher der Reichskanzler versicherte, daß Se. Majestät der Kaiser eine große Teilnahme für die unglücklichen Verfolgten hege, und daß, obschon der deutsche Generalconsul in Verbindung mit seinen Collegen bei der rumänischen Regierung vorstellig geworden, er, der Reichskanzler, jenem noch einmal den Auftrag erneuert habe, von der rumänischen Regierung zu fordern, daß sie energische Maßregeln ergreife, um die Wiederholung solcher Vorgänge zu verhindern. Die Versammlung bezeugte ihren warmen Dank für diese Aeußerungen des Fürsten Bismarck. Der Vorsitzende läßt die Versammlung nunmehr zur Wahl des Ausschusses des Gemeindebundes für die nächsten drei Jahre schreiten. Nach einer aus der Mitte der Versammlung hervorgegangenen Liste werden theils durch Abstimmung theils durch Acclamation die Herren vr. Josephthal aus Nürnberg, Advocat vr. E. Lehmann aus Dresden, Moritz Kohner aus Leipzig, Notar vr. Orkenaü aus Fürth, Rechtsanwalt vr. Makower aus Berlin und Gemeindesyndikus vr.; Honigmann aus Breslau gewählt. Auf Antrag eines Gemeindevertreters erhebt die Versammlung sich, um ihrem Danke für den ersten Ausschuß Ausdruck zu geben. Hierauf erhebt Herr Kohner sich zu längerm Vortrage. Zu den vielen Vorzügen des Judenthums gehöre auch die schon geschehene Lösung einer noch jetzt alle Welt beschäftigenden Frage, der socialen, durch die heilige Schrift. Sie habe dieselbe auf doppelte Weise gelöst, durch die Agrargesetzgebung und durch die Bestimmungen über die Wohlthätigkeit. Nach dem Untergänge des jüdischen Staates sei den Juden doch die Uebung der Wohlthätigkeit in hohem Maße geblieben. Unsere Ahnen haben nicht wie die Raubritter fremdes Vermögen sich angeeignet , sondern sie sind mit ihrem eigenen Vermögen eingetreten für die Elenden und Armen. Aber es war von Alters her Grundsatz unter den Juden, nicht hier und da einzelne Spenden zu geben, sondern die Quelle der Armuth zu verstopfen. Es ist in der That in den deutschen Gemeinden dem Pauperismus mit großem Erfolge entgegen gearbeitet worden, und wenn er auch leider nicht ganz und gar hat beseitigt werden können, so können wir doch im ganzen über die socialen Zustände der deutschen Juden beruhigt sein. Deutschland leidet noch immer an den Folgen des dreißigjährigen Krieges, wir deutschen Juden haben aber im Mittelalter viele dreißigjährige Kriege durchgemacht und uns doch gänzlich von denselben erholt. Anders, ganz anders steht es mit unfern Glaubensgenossen in Rußland und Polen, die zum großen Theile sich in traurigster Lage befinden. Die Abhülfe, welche die jüdischen Russen und Polen sich selbst gesucht haben, ist eine äußerst verderbliche, die Gesundheit und die Moral der Betreffenden zerstörende die Wanderbettelei, das Schnorrerchum. Großartige Mittel; die zu den besten Zwecken dienen könnten, werden dadurch den Eisenbahnen und Wirthshäusern überliefert. Diese Wanderbettelei muß aufhören, um die Bettler selbst zu retten, die Judenheit von einem Krebsschaden und einer argen Schande zu befreien. Es ist hierüber vom Ausschüsse des ersten Gemeindetages ein Circulär in deutscher und hebräischer Sprache an die russischen und polnischen Gemeinden erlassen worden. Leider sind die Hoffnungen, daß diese Gemeinden aus eigener Kraft sich zur Abhülfe erheben werden, gering: die Wanderbettelei hat allzu demoralisirend gewirkt. Nachdem der Redner die traurige sittliche Verkommenheit der Wanderbettler aus Grund praktischer

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