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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-04-16 · Heft 16 (16.4.1872) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 16 (16.4.1872)
Date
1872-04-16
Page
Seite 319 (sequence 19)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Ar. 16. Leipzig, den 16. April 1872. Auch eine Ghettogeschichte. . (Fortsetzung.) Völlig niedergeschmetterl lag Bär in seinem Lehnsessel mehr als daß er saß. Seine Gedanken waren wirr, als ob das entsetzliche, daS ihn betroffen hatte, ihm im Traume vorgekommen, in der Wirklichkeit unmöglich wäre. Der drängenden Sorgen war er gewohnt, und zu oft hatte sich ihm ein Ausweg gezeigt, um aus dieser oder jener schlimmen Lage herauszukommen, selbst da wo eS - kaum zu erwarten gewesen war. Allein gegen einen solchen Schlag, wo alles wie in einem Puncte sich vereinigte, war er nicht gewaffnet. Es warf ihn nieder, wie im Bewußtsein, daß hier eine Hülfe, eine Rettung nicht im Bereiche der Möglichkeit wäre. Es war ihm, wie wenn ein großes Felsstück ihm auf den Leib gerollt wäre, unter dem er zwar nicht erschlagen, aber mit zuckenden Gliedern läge und keine Anstrengung ihn davon befreien könnte. Denn welche Hand hatte diesen Blitzstrahl geschleudert? Konnte es denn wahr sein? Besaß dieser in Lumpen gehüllte Mensch ein so großes Vermögen, um alles, Hypotheken, Schuldscheine, veräußerte Kostbarkeiten in seine Hand zu bringen? Weßhalb hat ' ^er dies gethan? Doch nur aus Feindschaft, um ihn nicht . Hur zu stürzen, sondern auch vor der Welt bloßzustellen. Ä Wie hatten ihn alle, diejenigen betrogen, mit denen er zu thun gehabt hatte, daß sie alles feinem Todfeinde auslieferten? Konnte er vom diesem Menschen nur um einen Tag Nachsicht erwarten? Denn daß er ihm noch ein Quartal zugestand, lag im Hypothekengesetze. Er fühlte eine eiserne und eisige Hand sich um seinen Hals schlingen, ihn zu erwürgen. Wurde eS ihm doch jetzt schon schwer, nur zu athmen, zu schlucken. Er mußte sich freilich sagen, daß er selbst schuld daran sei, daß er Wolf gekränkt und beschimpft habe in den Augen ihrer Glaubensgenossen, nicht einmal, sondern oft. Aber hätte er denn Gemeinschaft Hallen können mit diesem niedrigen, schmuzigen Wucherer? Allerdings warf er sich ein, daß Wolf vielleicht nicht so üef gesunken wäre, wenn er mit ihm als seinem Landsmann einige Gemeinschaft unterhalten hätte er bildete sich das jetzt ein, denn ein hochmütiger Mensch bildet sich gar vieles ein — aber von alledem war jetzt nichts mehr ungeschehen zu machen. Wie er ihm aber widerstehen, wie er die aus sein Haupt niederschmetternde Faust zurückhalten und abwehren könne, sah er kein Mittel ... So saß er da, und Gedanken und Bilder des rettungslosen Sturzes und Elends drängten sich in seine Seele, flogen wirr vor ihm hin und her, sein Kopf lag ihm auf der Schulter, seine Arme hingen wie leblos am Lehnstuhl herab — nur der eine^kleine Nothanker hielt seinen Verstand von der Fahrt in das Meer des Irrsinnes zurück, daß er doch noch ein ganzes Quartal vor sich hätte. Unterdeß saß ahnungslos feine Tochter Elisa mit ihren beiden Kindern in dem Garten hinter dem Hause. Es war ein heißer Sommertag, der erste Juli, und eine schattige Laube auf einer kleinen Anhöhe, von welcher auS man die Aussicht über den Fluß und die gegenüberliegende ansteigende Ebene genoß, hatte die drei ausgenommen. Die Mutter ließ ihren Knaben, der ungefähr fünf Jahre zählte, die Leseübungen in einem Buche durchmachen, während das kleine Mädchen neugierig zuschaute und diesen oder jenen Buchstaben mitten hinein ausrief, stolz, daß auch sie schon solche zu nennen wisse. Die Mutter lächelte; sie wußte nicht, ob sie über das niedliche Wesen ihre Freude ausdrücken oder den Störenfried zurückweisen sollte. Endlich war das Pensum zu Ende, und die Kinder liefen zusammen nach einem großen Sandhaufen, um zu spielen. Elisa versank bald in Träumereien, und ihr Auge ruhte auf dem Fluffe, der Ebene und dem in der Ferne blau aufsteigenden Gebirge, ohne viel wahrzunehmen, was daselbst oder in den benachbarten Gärten vor sich ging. Plötzlich wurde sie daraus geweckt, denn ihr scharfer Blick gewahrte einen Gegenstand, der ihr einen großen Schreck einflößte. Wir haben schon im Beginne unserer Erzählung bemerkt , daß die Langgaffe sich längs de8 Flusses hinzog, und dessen Krümmungen folgte; die Flußgasse durchschnitt sie und führte zum Fluffe herah, wo jedoch nur ein Nachen die Verbindung mit dem jenseitigen Ufer unterhielt. Erst weiter hinunter, fast am Ende der- Stadt, ging eine schöne steinerne Brücke Über den Fluß zu der mit Pappeln besetzten'Landstraße. Hinter den Häusern der Langgasse zogenAch daher Gärten' den Abhang zum Flusse , den

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