Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1872)
- Date
- 1872-03-12
- Page
- Seite 217 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Ar. 11. Leipzig, den 12. März 1872. Z» dem Artikel Wer die „Juden in Antwerpen". /'! ' . Herr Rahlenbeek m Brüssel hat uns mit einer Erwiederung beehrt gegen die Ausstellungen, die wir in der Besprechung seines Aufsatzes Mer die Juden in Antwerpen zu machen uns genöthigt glaubten (Nr. .1 d. I.). Zwar auf die religiös-theologischen Bedenken i (s. die Leitartikel in Nr. 2. 3. 4.) will er nicht eingehen: „ich wage nicht," sagt er, „als Laie, der ich bin, mich auf ein Terrain zu begeben, wo meistentheils die Wissenschaft ein Mysterium und die Kritik eine Ketzerei ist." Wir können Herrn Rahlenbeek nicht zugeben, daß es( gaNz aufrichtig von ihm gehandelt ist, der' Widerlegungi der von uns entwickelten Gründe mit einer solchen Phrase sich zu entziehen. Wir dächten, unsere Darlegung wäre der Art gewesen, um Ausdrücke, wie „Mysterium" und „Ketzerei" als nicht anwendbar erscheinen zu lassen, Ausdrücke, die überhaupt Gott sei Dank im Judenthum keine Rolle spielen. Jndeß, wenn Herr Rahlenbeek unserer Darlegung nichts gegenüber zu stellen hat, desto besser! Seine Widerlegung richtet' sich nur gegen einige factische Einwände. „Erlauben Sie mir also," fährt er fort, „mich stritt auf meine Rolle als Geschichtsforscher zü beschränken." Als solcher fühlt er sich von unfern, Bemerkungen verletzt; er meint,, wir „hätten ihm wie einem Schüler die Lection gegeben." Aber um Gottes willen, geehrter Herr, wo sinket sich ein unfreundliches oder geringschätziges Wort gegen Sie? Beschäftigt man sich so ausführlich mit jemandem, den man „wie einen Schüler" behandeln zu, müssen glaubt? Nein, gerade weil Sie , IhreAnsichten und Bestrebungen uns der? Ächtung und Berücksichtigung im höchsten Grade werth erschienen, wollten wir unS vor einigen aus denselben zu 'ziehenden. Consequchzen. 'wah»rert^; „ Änd gingen sogar auf einige nebensächliche Fätten ein. Zunächst wendet sich Herr Rahlenbeek gegen unsere Behauptung, daß . es im Mittelaller kein Belgien gegeben^ sondern daß! die Mitte und der Osten des Landes zum" Herzogthume Lothringen, der' Westen (Flandern) zu / Frankreich gehört habe^ „TchHestchtz"^s-gt''er/';,dakdäs'' ganz neue Sachen für Mich sind. Was ist denn das belgische Gallien oder das untere Germanien? wenn nicht ungefähr das heutige Belgien.... Noch vor dem Ende des Mittelalters vereinigte sich dann dieses nach dem Tode Chlodwigs in zwei- Theile / Austrasten und Neustrien , getherlte Belgien wieder und sah sich unauflöslich verbunden unter der Herrschaft der Herzoge von Burgund. Niemals hat Belgien einen Theil von Lothringen ausgemacht." Herr Rahlenbeek führt nun weitläufig mit vieler Gelehrsamkeit aus, daß diese unsere'Meinung auf einer Verwechselung der Namen Lotharingien und Lothringen beruhte. Es ist hier nicht der Ort zu einer weitläufigen historischen Abhandlung, sonst ließe sich den einzelnen Behauptungen des Herrn Rahlenbeek manches erwiedern. Begnügen wir uns aber mit einer einfachen Darlegung der Facten, wie sie in jedem Geschichtsbuche , das über den Umfang eines Schulbuches hmapsgeht, zu finden sind, und selbst der Laie in der Historik wird uriheilen, ob es im Mittelälter ein „Belgien" gab oder nicht. Es ist uns nicht eingefallen zu läugnen , daß es im Alterthum ein belgisches Gallien gab , das später zum Theil der Provinz Germania inferior zügetheilt war, während der andere Theil den Namen Belgica zu tragen fortfuhr. Aber nachdem in der Mitte des fünften Jahrhunderts (also gegen Ende des Alterthums) die salischen Franken von diesen Gegenden Besitz genommen, verschwindet der Name „Belgien" für das ganze Mittelalter aus der Geschichte, um höchstens hier und da einmal von einem antikisirenden Schriftsteller angewendet zu werden — ein politisches „Belgien" ist nirgends nachzuweisen. Trotz der politischen Zerrissenheit Italiens und Spaniens sprach man von diesen beiden Ländern als geographischen Einheiten; aber wir fordern Herrn Rahlenbeek auf , uns ähnliches in Bezug auf Belgien nachzüweisen. Die jetzt belgischen Provinzenbildetendann^einen Theil des großen , von Chlodwig (481-^511) gegründeten Frankenreiches, ohne je nur den Schatten einer selbstständigen Existenz zu besitzen. Mit der Theilung im Vertrage von Verdun (843) fiel Flandern an Westfränkreich, Brabant,'Hennegau und Täxandrien an das Reich' Lothars I. Nach dessen T.ode 855 fielen diese Provinzen mit dem heutigen 'Lothringen Den' untern Rheinländen u. s. to. an seinen