Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1872)
- Date
- 1872-03-12
- Page
- Seite 211 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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211 2. die Vertagung der Juden aus unserer Stadt. Wir erwarten die schnelle Lösung dieser Frage, um den künftigen Conflicten, welche von den Juden noch hervorgerufen werden dürften, ein für allemal vorzubeugen." Ueber diese fabelhafte Monstrosität wird sich die Kammer bald auszusprechen haben. Der alte Redacteur der „Trompetta", ein in den Aufhetzungen gegen Juden ergrauter Sünder, empfiehlt diese Petition und fügt hinzu: „Die ununterbrochene Reihe von schrecklichen Verbrechen , welche von den Juden in diesem Lande begangen tvorden sind, muß die gegenwärtige Regierung bestimmen, ein Gesetz über die sofortige Vertagung aller im Auslande geborenen und erzogenen I u de n einzubringen." In einer Anwandlung von Großmuth schließt der Redacteur — der berüchtigte Cäsar Bolliac, jetzt Abgeordneter — die in Rumänien geborenen und erzogenen Juden von dieser allgemeinen Ausstoßung aus. Sehen wir zu, welche Antwort ihm seiten der Regierung und der Kammer werden wird! Rußland. Warschau, im Februar. (Privatm.) Der Polizeimeister erließ in diesen Tagen eine scharfe Verordnung betreffs der bei den orthodoxen Juden noch immer üblichen allzufrühen Beerdigung der Verstorbenen. Das Gesetz, so ungefähr äußert sich der amtliche Erlaß, schreibe vor / daß mindestens 48 Stunden nach Eintritt des Todes mit der Beerdigung gewartet werden müsse; doch wüßten die Betheiligten, welche von religiösem Aberglauben geleitet seien, durch Vorlegung falscher Zeugnisse in den meisten Fällen den betreffenden Beamten zur Herausgabe eines Erlaubnißscheines zur'Beerdigung, ohne daß bis zu derselben der vorschriftsmäßige Termin verflossen fei, zu bestimmen. Um diesen Täuschungen für die Folge vorzubeugen, müßten fortan alle Meldungen von Sterbefällen, unter genauer Angabe des Tages und der Stunde des Todeseintritts, von zwei der Behörde als glaubwürdig bekannten Personen, die von derselben für jede falsche Angabe verantwortlich gemacht würden, bescheinigt werden, während den betreffenden Regierungsbeamten, unter Androhung der schwersten Disciplinarstrafen, eine größere Vorsicht und Strenge in ihrer Controlle zur Pflicht gemacht wird. — Wer da weiß, wie verbrecherisch eilig pnsere orthodoxen Glaubensbrüder ihre Todten begraben, wird diesen polizeilichen Bestimmungen seine Anerkennung nicht versagen. Dem hier erscheinenden „Israelit" zufolge beabsichtigt die Regierung, von ärztlichen Auctoritäten berathen, auch eine sorgfältigere Controlle über die „Mohalim", deren es hier die Hülle und Fülle, und nicht gerade von der besten Qualität giebt. Auch soll die „Mezizah" fortan nicht mit dem Munde, sondern mit einem Schwamme bewerkstelligt werden. Obgleich, so bemerkt das genannte Blatt, von rituellem Standpunkte gewiß nichts dagegen zu erinnern sei, so werde es doch wohl von Seiten unserer Orthodoxen an erbitterter Opposition nicht fehlen. Demselben Journal entnehmen wir noch folgende, namentlich für Phrenologen sehr interessante Mittheilung: Eine jüdische Frau hatte, vom Schlage gerührt, ihre Sprache verloren und in Folge dessen Aufnahme im hiesigen Krankenhause gefunden. Als sie nun wieder genas, begann sie allerdings wohl wieder zusammenhängend zu sprechen, aber ohne Anwendung auch nur eines einzigen Hauptworte s. Sollte demnach, nach Galls Theorie, für. jede Wörterclasse ein besonderes Organ im Gehirn.bestehen, und der Besitz des Sinnes für die eine Wörterclasse noch nicht den für eine andere bedingen? Nachtrag. Berlin, 5. März. (Privatmitch.) Das Curatorium der „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" (jüdisch-theologische Facultät) hat beschlossen, diese Lehranstalt mit dem Mai dieses Jahres zu eröffnen, und es sind zu diesem Zwecke vorläufig vier Lehrer berufen worden, nämlich die Herren: Dr. Israel Lewh in Krotoschin für die talmudischen Fächer, welche die wissenschaftliche Behandlung des Talmuds und zugleich alle halachischen und praktischen Studien umfaßt, deren der künftige Rabbiner zu seiner vollständigen Ausbildung bedarf, Dr, David Cassel in Berlin für jüdische Geschichte und Literatur, Bibelexegese' und semitische Sprachkunde, Dr. A b r. Gei g e r