Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1872)
- Date
- 1872-02-27
- Page
- Seite 175 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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All geme i nt Zeitung des Zudenthurns. Feuilleton-Geilage zu Ar. 9. Leipzig, den 27. Februar 1872. Auch eine Ghettogeschichte. In meiner Vaterstadt N., der Residenz eines kleinen deutschen Fürsten, hatten wir auch ein Ghetto. Aber es verhielt sich zu den Ghetti anderer und großer Städte wie der aufgeklärte Despotismus zu dem rohen asiatischen. Wir hatten keme besondere schmale und schmuzige Judengaffe, sondern die Stadt war durch eine lange Straße, die Langgaffe genannt, ziemlich in zwei Hälften getheilt. In der einen, der südlichen, durften wir wohnest, wo wir wollten und mit unseren christlichen Mitbürgern völlig vermischt, die nördliche Hälfte war uns untersagt. Da war es nun das EigenthümUche, daß gerade diese verbotene Stadthälfte altmodisch war, mit krummen und engen Straßen, hohen mittelalterlichen Häusern, bei denen die hölzernen Stockwerke wie eine umgekehrte Treppe über einander hinausragten, wohingegen unser Stadttheil mit Ausnahme eines nach dem-Flusse gelegenen Striches aus breiten, geraden Straßen mit hübschen, einfachen Häusern bestand; hier war Leben und Verkehr, die dort nur wie halb ausgetrocknete Sommerbäche dahin schlichen; hier standen die Grundstücke in hohem Preise und die Miethswohnungen waren sehr gesucht, während dort, wenn nicht viele Häuser, so doch ganze Stockwerke leer standen. Wir brauchten daher durchaus nicht wie Adam am Thore des Paradieses trauernd und sehnsuchtsvoll an der Gränze unseres Stadtviertels zu stehen; vielmehr wurde von den Bewohnern des anderen mehrmals petitionirt, diesen Bann aufzuheben, und das Wohnrecht in der Stadt „ohne Berücksichtigung der Confession" zu gewähren. Allein die fürstliche Regierung liebte keine Neuerungen, und da seit einem halben Jahrhundert kein Spatenstich in den Anlagen um die Stadt gethan worden war, wollte man auch jetzt das alte Privilegium, tövt und verkehrlos zu sein, dem bevorzugten Stadttheile nicht nehmen. Es hätte ja zu sehr an die französische Revolution erinnert, an das Niederreißen der Barrieren zwischen den einzelnen Provinzen und Ortschaften eines und desselben Landes! So bedurfte es erst der großen Erschütterungen des Jahres 1848, um diese Scheidewand zwischen der südlichen und nördlichen Hälfte meiner Vaterstadt niederzureißen. Wo aber irgend ein Unterschied, irgend eine Auszeichnung, sei sie noch so eitler oder gar schädlicher Art, vorhanden ist, da giebt es immer Leute, die ihren Stolz darein setzen, sich von der Genossenschaft zu trennen und es als eine hohe Ehre ansehen, allein von ihres gleichen über diesen Unterschied hinweggehoben zu werden. Bon Zeit zu Zeit fand sich daher in unserer Gemeinde einer und der andere, der durch Gunst und Fürsprache eines einflußreichen Hofmanns die Erlaubniß erhielt, jene abgränzende Straße zu überschreiten und sich ein Haus jenseits derselben zu erwerben, wenn auch nur in geringer Entfernung. Was ich erzählen will, reicht freilich weit über diese Zeit hinaus, und man hatte damals kaum eine Ahnung, daß die Langgasse jemals diese Bedeutung einer Gränzscheide zwischen zwei gar nicht feindlich gesinnten Lagern verlieren könnte. Dort wo die krumme Flußgasse die Langgasse durchschnitt, standen unter den Häusern diesseits und jenseits der Langgasse zwei, zwischen welchen ein geheimnißvolles Band sich angeknüpft hatte, geheimnißvoll, denn niemand sah es ihnen an, und niemand wußte viel davon außer den Besitzern derselben. Vielmehr bestand sichtbarlich zwischen ihnen mancherlei Gegensatz. Das Haus auf der christlichen Seite war stattlich , geräumig , wohl erhalten und reinlich abgeputzt; während dasjenige auf der jüdischen Seite, das ich meine, klein und verfallen war und 'das Aussehen gänzlicher Vernachlässigung trug. Zwei Fenster war seine ganze Breite, das obere Stockwerk hatte sich nach rückwärts gesenkt, während der Giebel, der nach der Straße ging, wieder etwas überhing, und so war es zwischen zwei größeren Nachbarhäusern eingeklemmt, daß es nur noch von diesen gehalten zu werven schien. Wenn der Besitzer des ersteren, stolz darauf, daß er durch Hofgunst in der Christenstadt wohnen durfte, aus seiner Thüre trat, sah man eine stattliche, fast steife Gestalt, woh^ gekleidet, im Winter in einem feinen Pelze, in der Hand ein starkes Bambusrohr mit geschnitzter elfenbeinerner Krücke. Trat der andere aus seiner Wohnung, so gewahrte man einen kleinen dürren Mann mit gebeugtem Rücken, vorgeneigtem Haupte, in einen verschlissenen Soldatenmantel gehüllt; nur blitzten zwei stechende Augen in immerwährender Bewegung unter dem alten Dreimaster hervor, der damals üblichen Kopfbekleidung der Gemeindemitglieder. So schlich er längs