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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-13 · Heft 7 (13.2.1872) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 7 (13.2.1872)
Date
1872-02-13
Page
Seite 138 (sequence 20)
Language
German
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138 Vermischtes. Es läßt sich nicht verkennen, daß innerhalb der christlichen Welt gegenwärtig eine gewaltige Gährung theils sich vorbereitet, theils schon vorhanden ist, welche besonders bei der Freiheit, die in unsrer Zeit jede geistige Bewegung hat, zu Resultaten führen muß. - Es liegen uns z. B. aus dem Zeiträume von vier Tagen drei, wir möchten sagen, Urkunden vor, welche davon Zeugniß geben. Zuerst eine treffliche Rede des Professors der Philosophie vr. Bona Meyer (Katholik) in Bonn, der erste Vortrag in einem soeben gegründeten „Bildungsverein" vor sehr zahlreichen Mitgliedern gehalten. Er sprach von der „Wahrheit des Christenthums", welche diesem den Sieg als „Universalreligion" verschaffen müsse, sagte ferner, daß Vernunft und Glauben sich nicht widersprechen dürfen und daß die rechte Bildung darin bestehe, aus seinem Glauben auszuscheiden, was der Vernunft widerspreche. Es ist dies also das Programm des Rationalismus. Man wird sich nun fragen, was denn, wenn dieser Grundsatz im Christenthume durchgeführt werde, von diesem wohl übrig bleibe? Zu dieser Frage ist man vollkommen berechtigt, wenn man in der Köln. Zeit, vom 2. Februar, Blatt 3, den Hirtenbrief des Erzbischofs von Köln zu den katholischen Fasten liest. Freilich scheint das Lesen dieses langen und nüchternen Schreibens mit zu den Fasten zü gehören. In ihm wird die Vernunft, sobald sie irgend dem kirchlichen Glauben — und was für ein Glaube ist das! —- widerspricht, jedes Wissen,, das mit jenem nicht übereinstimmt, verdammt. Der ganze katholische Katechismus wird wiederholt, und nicht bloß jeder Katholik, der nicht daran festhält, sondern auch alle Andersgläubigen werden dem Fegefeuer überantwortet. Nun, das ist das ofstcielle Christenthum von 180 Millionen Katholiken, und dieselbe Lehre wird in diesem Augenblicke von allen katholischen Bischöfen der Erde wiederholt. Neben diesem Hirtenbriefe lesen wir in derselben Nummer der „Köln. Zeit", Blütt2, einen stenographirten Vortrag des Professor Dr. Ignaz von Döllinger in München, den er am 31. Januar als ersten einer Reihe von Vorträgen „Ueber die Wiedervereinigungsversuche zwischen den christlichen Kirchen und die Aussichten einer künftigen Union" gehalten hat. Döllinger ist bekanntlich ein streng katholischen Priester, der nur dem vaticanischen Concil und dem Änfallibilitätsdogma eine überzeugunstreue Opposition macht. Wir wissen nicht, ob er dem Syllabus und der Encyclica widersprochen hat, und er würde sicherlich den größten Theil des erzbischöflichen Hirtenbriefes unterschreiben. Der Vortrag hat durchaus nichts Bedeutendes und läßt sich nur über die unzähligen Spaltungen der christlichen .Kirchen und Secten in ganz äußerlichen Momenten, blvß als historische Facten aus. Die Art, wie er sich über den Islam und die Reformation ausläßt und sich dabei offenbarer Widersprüche schuldig macht, geht uns nichts an. Charakteristisch ist folgende Stelle: „Aber es ist der Anblick der christlichen Welt, der uns festhalten.-muß, und es ist nicht zu verkennen, dieser Anblick mit den scharf geschiednen, vielfach feindlichen, in stetem Hader und in gegenseitigen Anklagen sich abmühenden Kirchen und Secten, dieser Anblick hat etwas Abstoßendes und Erschreckendes, und wir würden, wenn wir nicht von Jugend auf daran gewöhnt wären, die Deformität, den Widerspruch zwischen Jdee^und Wirklichkeit, der uns hier entgegentritt, viel stärker noch empfinden. Auf allen andern edlern Lebensgebieten, in der Wissenschaft, in der Kunst, macht sich die Kraft der Anziehung, der Einigung der Geister geltend und lösen sich die Mißklänge des Haders früher oder später in Harmonie auf; nur bei der Religion ist es anders, das, was seinem innersten Wesen nach-das mächtigste Bindemittel sein sollte, weil es von Liebe getragen und erfüllt sein sollte, grade das hat zu so viel Spaltungen geführt; was Frieden unter den Menschen stiften sollte, hat Streit und blutigen Krieg entzündet, was den Menschen Gewißheit und Zuversicht geben sollte, hat Zweifel erregt und Mißtrauen in die Geister gepflanzt." — Es ist dies freilich noch sehr gelinde ausgedrückt. Denn wer an die furchtbaren Religionskriege innerhalb der christlichen Welt denkt, von den Kriegen zwischen den Arianern und Katholiken bis zum 30jährigen Kriege und den Hugenottenkämpsen, an die zahllosen Scheiterhaufen, an die unermeßlichen Verfolgungen von Andersgläubigen, dem erscheint dies doch noch etwas mehr als „abstoßend und erschreckend". Man wird sich zu der Frage veranlaßt fühlen: wenn dies eine von Gott geosfenbarte Wahrheit ist, wie konnte sie so zweideutig geoffenbart werden, daß Jahrtausende darüber mit Feder und Schwert Streit geführt wird? Döllinger hofft nun, daß „die Zeit gekommen ist, in welcher aus die Kirchen Perioden des Vaters und des ^Sohnes das Zeitalter des heiligen Geistes folgen wird".(U) Er hofft, daß alle Kirchen und Secten das, was ihnen an Lehre und Symbol gemeinsam ist, beibehalten, und was sie trennt, fallen lassen werden. Welche Aussichten auf Erfüllung diese Hoffnung habe, lassen wir dahingestellt. Jedenfalls sind alle diese Kundgebungen Zeugnisse einer großen innern Bewegung, von der wir freilich keine Einigung, sondern nur neue Spaltungen voraussehen. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redaeteur I»*. H. Lotze«

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