Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1872)
- Date
- 1872-01-30
- Page
- Seite 96 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Bei Eröffnung der Sitzung am Freitag den 27. Oktober erklärte der zweite Verteidiger, der Advocat Canetto, daß er dem, was Herr Mancini gesagt habe, nichts hinzuzufügen hätte. Das öffentliche Ministerium verzichtete ebenfalls auf das Wort. Die Geschwornen zogen sich zurück und nach Verlauf von kaum zwanzig Minuten verkündete ihr Obmann, daß sie auf alle sechs Fragen verneinend antworteten. Demzufolge erklärte der Präsident des, Gerichtshofes Herrn Manolo Mortara für .unschuldig und ließ ihn sofort in Freiheit setzen. Man hieß das Publicum, das den ganzen Saal erfüllte, hinausgehen, aber auf den Treppen und allen benachbarten Orten bildeten sich zahlreiche Gruppen, denn man wollte Herrn Mortara eine laute Ovation bringen. Doch wartete man vergeblich; die Familie Mortara stimmte mit der Behörde der öffentlichen Sicherheit überein, jeden Lärm, jede Demonstration zu vermeiden. Um 2 Uhr nach Mitternacht führte ein geschlossener Wagen Herrn Mortara in den Schoß seiner Familie zurück. Der Telegraph hatte die gute Nachricht schon allen Verwandten des Herrn Mvrtara in Bologna, Modena und Reggio mitgetheilt, und groß war die Freude in diesen Familien, welche so lange Zeit eine wahre Tortur erlitten hatten. Die Gerechtigkeit hatte gesiegt. Sonnabend am 28. October war ein wirklicher Festtag. Im Hause des Herrn Mortara traf eine Procession von Freunden ein; die Visitenkarten kamen von allen Seiten; alle beglückwünschten diesen braven Mann, deffen Sieg zugleich ein Sieg der Gerechtigkeit über die Intrigue und das Vorurtheil war. Geschichtliche Noch. Bekanntlich mußten früher, wenn ein Monarch den Thron bestieg, die Privilegien der einzelnen, wie der Corporationen neuerdings confirmirt und für diese Confirmation eine gewisse Summe erlegt werden. Die Ursache dieses Vorgangs haben wir ausführlicher in unsrer Schrift „Zur Geschichte der Juden in Worms und des deutschen Städrewesens" angegeben. Ich arbeite nun feit einiger Zeit hier im geheimen Kriegsarchive und zwar, wie ich hinzufügen will, nicht vorwiegend im Interesse der jüdischen Geschichte. Nebenher will ich hervorheben, daß ich der erste Jude in Oestreich bin, dem man den Zutritt zum geheimen Kriegsarchive, welches überhaupt sehr heikler Natur und in andern Staaten kaum nichtofficiellen Personen zugänglich ist, gestattet hat. Daselbst fand ich eine Instruction von Kaiser Leopold I. de dato Wien 31. Dec. 1669 für die geheime nieder-, inner- und oberöstreichische Hofcanzlei. In derselben kommen auch die Taxen für Erhebung in den Adelstand rc. und. für Confirmation von Privilegien vor. Die Juden hatten für die Confirmation ihrer Privilegien je nach dem 400, 590 oder 870 fl. zu zahlen. Die Jura <Nebentaxen) betrugen 90, 100 oder 180 fl. Es braucht nicht besonders hinzugefügt, zu werden, daß hier nur von östreichischen Juden die Rede ist. In demselben Jahre am 5. Dec. 1669 wurde auch der Beschluß gefaßt, die Juden aus Wien und Niederöstreich zu vertreiben (vergl. mein: „Die Juden in der Leopoldstadt"). Wien, 3. Dec. 1871. G. Wolf. Vermischtes. Aus Berlin wird der „P.Z." geschrieben: Die aus der „Franks. Ztg." in mehrere Blätter übergegangene Notiz, daß Preußen vor 23 Jahren nahe daran war, einen Juden zum.Cultusminister zu erhalten, findet im „Neuen Elbinger Anzeiger" ihre volle Bestätigung. Aus seinen Reminiscenzen schreibt demselben nämlich ein tönigsberger Correspondent: „Es war in den unruhigen Tagen von 1848, als König Friedrich Wilhelm IV. sagte: „Lieber Hansemann, stellen Sie.mir doch rasch eine neue Ministerliste zusammen." Minister Hansemann that wie ihm befohlen, aber sehr eilig und zerstreut hatte er darunter auch den zweiten Bicepräsidenten der Nationalversammlung, fir. med. Kosch, als dazu sehr geeignet erscheinenden „Cultusminister" namentlich aufgeführt. Eben im Begriff damit zum König zu gehen, zeigt er die Liste zuvor noch seinem Secretär Hugo von Hasenkamp in dem Augenblicke, als dieser zu ihm in's Zimmer tritt, mit den Worten: „Lieber Hasenkamp, Sie sind ja aus Königsberg, kennen Sie Dr. Kosch von dort näher? Ich habe ihn für das Cultusministerium bestimmt, seinen Namen hier auf die soeben fertig gemachte neue Ministerliste gesetzt, die ich dem Könige schleunigst zur Genehmigung vorlegen soll." Hasenkamp bemerkte lächelnd darauf: „Mit 9?. Kosch aus Königsberg werden Ew. Excellenz wohl schwerlich durchdringen, denn der ist Jude und dürfte sich wohl nickt gut zum Cultusminister eignen." „Jude!" rief Herr Minister Hansemann entsetzt, „um Gottes willen — streichen wir ihn citissime!" Und die junge Ministerliste wurde — beschnitten. So hörten wir diese Tragikomödie vor 22 Jahren aus dem Munde des Herrn v. Hasenkamp, der mit Hansemann von Köln nach Berlin, als Redacteur der „Hartungschen Zeitung" von Berlin nach Königsberg, und 1850 dafür, daß er den Namen eines Correspondenten zur Aufklärung in der Sefelogeschen Attentatsangelegenheit nicht nennen wollte, auf vier Wochen in's Gefangniß kam, wo er uns jene Episode lachend mittheilte, dann für die Schleswig- Holsteiner kämpfte, verwundet wurde und einige Jahre daraus starb." Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur Di». H. Lotze.