Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1872)
- Date
- 1872-01-30
- Page
- Seite 87 (sequence 11)
- Language
- German
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sehn erregt. Hier zu Lande aber kennt man den Mann und seine ultramontanen Tendenzen. Diesem entspricht es ganz und gar, die Juden in einen anarchischen Zustand, in Verwirrung und Auflösung zu bringen, und zugleich. den Schein eines Verfechters der Gewissensfreiheit, so lange es geht, zu behaupten. Derselbe Mann ruft gleiche Anarchie auch unter den Protestanten des Landes hervor, während er zugleich den Infallibilisten den größten Vorschub leistet, also in der katholischen Kirche die strengste Disciplin fordert und fördert. So ist Herr Pauler, und nun mögen die Herren Schomre-hadath jubeln. Sie werden dereinst noch wehklagen über die Thätigkeit dieses ächten Judenhassers. Ein solcher ist wirklich viel gefährlicher als jener Jesuit, der jüngst in einer ungarischen Stadt gegen die Juden predigte und seine Zuhörer aufforderte, nichts von denselben zu kaufen. Preßburg, 17. Januar. Die „Preßb. Ztg." und nach ihr der „Pester Lloyd" enthält einen Bericht über die, bereits vor dem Leichenbegängniß des hiesigen Oberrabbiners Schreiber eingetretenen Umtriebe bezüglich der Wahl seines Nachfolgers, der zu charakteristische Züge bringt, als daß wir ihn nicht wörtlich hier wiedergeben sollten. Es wurde am 1. Januar l. I. Nachmittags in einer Gemeindevertretungssitzung der Beschluß gefaßt, für die Wittwe zu sorgen, einstweilen Herr Subrabbiner Fischmann mit der Verrichtung der rabbinischen Functionen betraut, aus Pietät gegen den Verstorbenen aber dessen Sohn Bernhard Schreiber zum Rosch-Jeschiba ernannt; das Leichenbegängniß wurde für den nächsten Vormittag 9 Uhr festgesetzt. Das Protokoll ward von 26 anwesenden Gemeinderepräsentanten unterzeichnet und dem Gemeindenotär zur Reinschrift nach Hause gegeben. Noch an demselben Abend gegen 9 Uhr kam der Gemeindevertreter Philipp Bettelheim, der den Antrag auf Ernennung Bernhard Schreibers zum Rosch-Jeschiba gestellt hatte, zum Gemeindevorsteher A. Jonas Schreiber und machte ihm die Vorstellung, daß es Usus in der Gemeinde sei, daß der Sohn des Verstorbenen Rabbiner sein müsse, und darum der nachmittägige Beschluß ungiltig sei und das Protokoll hierüber geholt und vernichtet werden müsse. Dies geschah; auch wurden die nöthigen Leute, damit,. wie vor 33 Jahren, der Verstorbene nicht eher zu Grabe getragen werde, bis nicht dessen Sohn Rabbiner geworden, noch in der Nacht aus den Betten geholt, mit Wein und Bier tractirt, um dahin zu agitiren, daß beim Frühgottesdienst Bernhard Schreiber in der Synagoge zum Rabbiner ausgerufen werde. Es wurde deshalb das Leichenbegängniß unter dem Vorwände bis um 11 Uhr verschoben, daß Rothschild in Frankfurt seine Hierherkunft angekündigt habe. Gegen einen solch regelwidrigen Vorgang sich zu wehren, sei Pflicht jedes Gemeindemitgliedes. In ähnlichem Sinne sprach M. Bunzl. Einen jüdischen Despotismus — rief er unter anderm aus — einen jüdischen Absolutismus, eine jüdische Unfehlbarkeit, jüdische Jesuiten haben wir schon, und nun will man uns noch eine jüdische Dynasüe aufoctroyiren. (Anhaltender Beifall.) Viele von den Anwesenden — meint Redner — seien für Herrn Fischmanns Wahl; er sei ein Ehrenmann, ein religiöser, frommer Mann; aber es habe sich auch am Vormittag gezeigt, daß er kein selbstständiger Mann ist, denn er habe in der Synagoge des lieben Friedens halber eine Rede gehalten, wie sie ihm soufflirt worden sei, worin er auf eine Stelle, auf eine Wahl verzichtet. — Das schließliche Resultat war die Wahl eines Comite's zur Abfassung des Protestes, den man behufs Unterschriftensammlung circuliren lassen wird. Frankreich. Paris, 15. Januar. Die Arch. isr. enthalten einen Artikel, in welchem gesagt wird, daß die israelitische Auswanderung aus Elsaß-Lothringen ununterbrochen fortfahre und ein wahrer Auszug (exoäe) sei. Viele gingen nach Amerika, wenige nach Algier, und man müsse die Menge auf das Innere Frankreichs aufmerksam machen, wo viele Städte zu Niederlassungen sehr günstig wären, die jedoch bis jetzt von den Auswandrern unberücksichtigt blieben, weil dort keine Gemeinden bestehen, also die religiösen Bedürfnisse nicht befriedigt werden könnten. Wir müssen die Angaben, da sie ganz ohne materielle Belege sind, dahingestellt sein lassen; stark aufgetragne Farben flößen stets Zweifel an deren Aechtheit ein. — Bei dem Neujahrsempfange des Präsidenten der französischen Republik war auch der Rabbiner von Versailles, Herr Emmanuel Weill, und eine Deputation des israelitischen Centralconsistoriums zugegen, an deren Spitze Herr A. Frank eine kurze Ansprache an Herrn Thiers hielt. 5*