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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-12 · Heft 50 (12.12.1871) · p. Seite 1014

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 50 (12.12.1871)
Date
1871-12-12
Page
Seite 1014 (sequence 20)
Language
German
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1014 Vermischtes. Der „Pesther Lloyd" erzählt folgende interessante Geschichte, die sich in einem unansehnlichen Hause in der Heugasse zu Wien abgespielt hat. In diesem Hause hatte der junge und hoffnungsvolle Sohn des bekannten Triester Bankiers, Baron Morpurgo, seine Wohnung aufgeschlagen. Zn demselben Hause wohnte aber Frl. v. TerL, die Tochter des Obersten von Terö, Gestütscommandanten zu Kis-Bör. Hermme v. Tere war ein reizendes Mädchen, und es konnte daher nicht überraschen, daß der junge Baron, der sich zur Ausbildung in den Rechtswissenschaften in Wien befand, von einer seltenen Zuneigung zu dieser blühenden Schönheit erfaßt wurde. Der liebenswürdige junge Mann fand bei dem mit allen Geistesgaben reich ausgestatteten Mädchen Gehör, und der junge Morpurgo faßte sich endlich ein Herz und theilte seinem Vater den Sachverhalt mit. Baron Morpurgo erschrak nicht wenig über diese Eröffnung, durch welche seine schönsten Pläne vereitelt zu werden drohten. War doch sein Sohn so gut wie verlobt mit einer Tochter des Baron Rothschild in Paris. ' Der Vater reiste.sofort nach Wien, um seinen Sohn von dem Gedanken einer Verbindung mit dem schönen,' aber mit Glücksgütern nicht sonderlich gesegneten Fräulein abzubringen; allein der Sohn war taub gegen alle Vorstellungen und zürnend verließ der Vater die Residenz. Roch gab er nicht alle Hoffnung auf, diese Verbindung, welche seine kühnsten und schönsten Pläne durchkreuzte, zu vereiteln, und bevollmächtigte seinen Advocaten sich nach Wien zu begeben, um auf anderem Wege die Lösung des Verhältniffes zu versuchen. Der Advocat näherte sich dem Mädchen, stellte ihr die Sachlage vor und bot ihr schließlich eine für ihre Verhältniffe riesige Summe, wenn sie freiwillig auf die Hand des jungen Morpurgo verzichten würde. Allein die Liebe siegte über alle Lockungen, wenn sie sich auch in noch so gleißender Gestalt genaht hatten. Frl. v. Terö erklärte, daß sie lieber Noth und Entbehrung mit ihrem Geliebten leiden wolle, als daß sie sich durch schnödes Geld bestechen laste. Jetzt wurde auch der confesfionelle Hebel angesetzt; allein daS Mädchen trat zum Juventhume über und erhielt den Namen: Hermine Judith v. TerS. Der Spruch: „durch Kampf zum Siege" sollte sich an den Liebenden bis zum letzten Augenblicke bewähren. Der Prediger der israelitischen CultuSgemeinde weigerte sich anfänglich, die Trauung des Paares vorzunehmen, und erst als er die kategorische Weisung des Präsidiums der israelitischen CultuSgemeinde erhielt, verstand er sich zur Ausübung dieser Function; bei verschlostenen Thüren, im engsten Kreise — der Vater Morpurgo war wohl in Wien, wohnte aber der Ceremonie nicht bei — fand diesen Montag in geheimnißvoller, stiller Weise die Trauung des Paares statt, und der Präsident des Wiener Landgerichts, Dr. v. Boschan, bei welchem der junge Morpurgo practicirt, und der Staatsanwalt Graf Lamerzau fungirten als Hochzeitszeugen. „Jewish Chronicle“ berichtet aus Fez: DaS Judenviertel wird von der übrigen Stadt durch Wälle getrennt, deren Pforten jede Nacht geschlosten werden, und selbst bei Tage kann der verfolgte Israelit die Erlaubniß durch das maurische Viertel zu gehen nur unter der Bedingung erlangen, daß er seine Schuhe in der Hand trägt, wobei der ehrwürdigste und wohlhabendste Jude den häufigen und gebräuchlichen Beleidigungen seitens des niedrigsten muselmännischen Straßenstolches, dem er begegnet, ausgesetzt ist. Viele der Häuser sind geräumig und luftig, aber die Straßen sind eng, und selbst nach vorgenommener Reinigung in einem gewisten Grade schmuzig. Wir wurden in mehrere Häuser wohlhabender Juden eingeladen, welche in der Regel sehr luxuriös nach morgenländischer Weise eingerichtet waren, indem Kisten und Polster gewöhnlich den Platz von Stühlen und Sofa's einnehmen. Hier begegneten wir in all seiner Widerwärtigkeit einem sehr unangenehmen, obgleich im Orient häufigen Schauspiel der Verheirathung ganz junger Mädchen an mittlere oder ganz alte Männer. In einem Hause sahen wir verheirathete Mädchen, deren Alter zusammen auf vierzig Jahre stieg. Einige andere sahen wir zwischen zehn und zwölf Jahren, und ein erbärmliches blasses Geschöpf von elf Jahren mit einem einige Monate alten Kinde auf dem Arme. Die natürliche Folge dieser Sitte zeigt sich in den unentwickelten Formen, zurücktretenden Stirnen und vogelgleichen Gestchtszügen der Fezzer Juden. In Paris sowie in Wien macht jetzt eine komische Operette „die Ente mit den drei Schnäbeln" einiges Aufsehen. Der Componist heißt Emil Jonas. Emil Jonas, aus jüdischer Familie im Jahre 1827 zu Paris geboren, errang als Zögling den ersten Preis im Conservatorium und brachte schon 1552 in den Bouffes Parisiens eine kleine Oper: „Le duel de Benjamin" zur Ausführung, welcher bald mehrere andere folgten. Ganz besondere Vorliebe besitzt Jonas für Militärmusik, deren Organisation er zum Gegenstände seines Studiums gemacht hat, und in der Weltausstellung von 1867 leitete er die Concursproductionen der Fanfaren und Militärmusiken. Aber hiermit sind wir mit ihm noch nicht zu Ende, denn derselbe ist auch Professor am Conservatorium und Musikdirector an der portugiesischen Synagoge. Ist sem Talent auch kein großes, so doch jedenfalls ein umfastendes. Verlag von Baumgärtner'S Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. 83. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redactrur Dr. H. Lotze.

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