Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1871)
- Date
- 1871-11-14
- Page
- Seite 934 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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934 ihr cinrichtet. Wir sind der deutschen Uekersetzung, die wir seit 200 und mehr Jahren haben, so gewohnt, daß, sobald wir nur ein Buch sehen, daS die Perioden und Wortfügung so hat, als die Übersetzung der Bibel, wir sogleich sagen, die Schreibarth komme der biblischen bey. Aber sie kann nur grammatischer Weise vielleicht eine solche sein, ohne das; sich an ihr das Erhabene der Gedanken und der heilige Ausdruck, der bey heiligen Sachen seyn soll, findet. Es ist also eine jüdisch-deutsche Schreibarth und nicht die biblische im eigentlichen Verstand. „Aber ist vielleicht ein Verbot vorhanden oder laufft .es wider die Ehrfurcht, die man gegen die Bidet Überhaupts haben soll, wenn ein Buch im Jüdisch-deutschen geschrieben wird? ich will noch weiter sagen, wenn das Buch würklich mit Redensarten aus der Bibel versehen ist? Den erstern Satz wird man mir hoffentlich zu keinem Einwurfe Machen; denn es ist eines jeden Willkühr, ob er nach der grammatischen Arth der Juden deutsch schreiben, oder ob er nach den schönsten Urbildern der deutschen Sprach- und Redekunst verfahren will. Die Ehrfurcht gegen di? Bibel gehet aus den Inhalt derselben und aus die Ausdrücke, wie und aus welche Art sie die Sach-n andeuten, wie ich oben bemerkt habe. Wenn der Schluß richtig wäre, weil die Bibel das heiligste Buch ist, so soll man in weltlichen Historien ihre Schreybart nicht brauchen: was thut der Dankprediger, wann sein Landesherr, der offt den ungerechtesten Krieg geführet und eben da die Bataille verlohren, wo er der Welt weiß macht, daß er sie gewonnen, die Pflicht auflegt, eine Gedächtnißrede zu halten? Er erzehlet die That, wie man ihme solche beschrieben; er rühmt die Güte des Himmels, die seines Herrn Arm gestärket. Damit er von einer weltlichen Sache wohl rede, so redet er biblisch, er schilt mit lauter Sprüchen aus der Schrifft, feines Herrn Feinde, die doch GOTT nicht gescholten; er bemühet sich recht, das Manifest feines Herrn in einen biblischen Styl ein zu kleiden, daß man die Gerechtigkeit seiner Waffen sehen möge. Hat der Laye, das ist der, so kein äusserlicher Priester ist, wohl zu fürchten, daß er GOTT beleidige, wenn er die Historie seiner Tage so beschreibet, daß er die Thaten der Groffen, wie sie von Seiten eines jeden Hofs gemeldet werden, ohne sich für die eine oder andere Parthei zu erklären, in ihre Gestalt setzet, und damit er nicht durch die aus der Politik angebrachten Redensarten, oder auch durch die rhetorischen Blümgen, die der Schreibarth heutzutage den Geschmack geben müssen, einem oder dem andern Theile zu nahe trete, die Redensarten er weh lei, die in der Bibel die Sache ausdrücken, wie sie ist, und eine edle Einfalt zeugen, die man in ihrer natürlichen Stellung nicht verwerfen kann. Darf er nicht daß, wovon alle Welt saget, daß eS^ein Werk der göttlichen Vorsicht und Regierung der Lvelt feye, mit denjenigen Worten darstellen, deren Ausdruck nirgend schöner, als in der Bibel zu finden? Darf er denn seine Arbeit aucb in weltlichen Historien durch den richtigen und edlen Gebrauch der biblischen Schreibart nicht heiligen? Und wenn er für den gemeinen Mann schreibet, muß er diesem, weil er ein gemeiner Mann ist, eben eine weltübliche Schreibart vorlegen, damit durch die biblische Schreibart die Bibel nicht von ihm entehret werde." Der Verfasser schließt seine Vorrede mit einem Citat aus dem 2. Buch der Makkabäer, nicht aber ohne uns vorher zu versichern „daß er nicht einsehe, wie das Buch der Makkabäer entheiliget werden sollte, aus dem sie genommen ist, wenn er sie hieher setze; denn die Gedanken seien so, wie ein jeder ehrlicher Mann, wenn er auch nicht den Glauben hätte, gedenken könne:" — : „Hätte ichs lieblich gemacht, das wollt ich gerne : Isis aber zu geringe, so habe ich doch gethan, so vi§l ich vermögt. Denn allezeit Wein oder Wasser trinken ist nicht lustig, sondern zuweilen Wein, zuweilen.Wasser trinken, das ist lustig; also ist auch lustig so man mancherley liefet (2. Makk. 15,. 38 ff." „Das sei das Ende." Diesen Auszug einer Vorrede aus dem vorigen Jahrhundert glaubten wir den Lesern dieses Blattes nicht vorenthalten zu dürfen, um so weniger, als sie ein nicht uninteressantes Licht auf die Denkungsweise des vergangenen Säculum wirft. Ich weiß nicht, ob ein Literat des 19. Jahrhunderts sich veranlaßt sehen dürfte wegen des Gebrauchs der biblischen Redeform sich ebenso eingehend dem Publicum gegenüber zu entschuldigen, wenn er den Entschluß faßt, etwa den französischen Krieg von 1870 unter Nachahmung des biblischen Stils zu beschreiben. Tempora muianiur! Vielleicht erhebt sich bald ein „Simon ben Jochai" des 19. Jahrhunderts; wir empfehlen ihln, seinen Collegen vom siebenjährigen Krieg zu Rathe zu ziehen. Vermischtes. — Unter den kleinrussischen Juden herrscht, wie der „Kljewljanin" erzählt, der sonderbare Aberglaube, eme jede beliebige Epidemie lasse sich dadurch bannen, daß einige Trauungsceremonien auf dem Begräbnißplatze vollzogen würden. So haben die Juden des Fleckens Rshischtschew, Kreis Kijew, um sich vor der Cholera zu schützen, mehrere Hochzeiten auf ihrem Begrabmßplatze gefeiert. von I. B. Hirschfeld. Verlag von Baumgartuer'S Buchhandlung in Leipzig. — Druck Verantwortlicher Rcdacteur Br. H. Lotze.