Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1871)
- Date
- 1871-09-05
- Page
- Seite 727 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine ♦ FeuTetou-Sellage zu Ar. 36. Leipzig, den 5. September 1871. Louis Meyer, geb. l in Lluzcwo, gcst. am 25. März 158« zu Wloclawck. Vor Kurzem erschien bei Louis Gerschel in Berlin ein starker Band unter dem Titel „Hinterlassene Deutsche Schriften eines Polnischen Juden". Dieselben geben ein vorzügliches Beispiel, wie selbst auf dem sterilsten Boden und unter den ungünstigsten Umständen ein reiches Talent, mit welchem sich ein warmes Herz für alles Wahre und Edle verbindet, sich entfalten, ein Leben für sich führen kann, wenn auch verborgen vor seinen Umgebungen, die es nicht verstehen, und schließlich der Well einige Strahlen seines Geistes zu geben vermag. Ein polnischer Jude in einer kleinen polnischen Provinzialstadt widmet sein Leben lang seine Mußestunden der deutschen Dichtkunst, und nicht ohne Erfolg! Doch hören wir zuvor etwas über seine Lebenßumstände aus dem Vorwort. Es heißt daselbst: „Louis Meyer, geboren i. I. 1796 in dem polnischen Grenzstädtchen Sluzewo, unweit Thorn, lernte in der Weise der orthodoxen polnischen Juden von Kindheit an Bibel und Talmud, besaß jedoch glücklicher Weise einen Vater, der allgemeiner Bildung nicht entgegen war, und den vierzehnjährigen Knaben nach Berlin sandte. — Neben seiner kaufmännischen Beschäftigung entwickelte sich frühzeitig ein ungewöhnliches productives Talent, das sich in gereimter Sprache versuchte. Bereits im zweiundzwanzigsten Jahre rief ihn die Pflicht zurück nach Polen, wo er sich in Wloclawek etablirte; dort betrieb er Geschäfte mit abwechselndem Glücke. In den Mußestunden laß er viel und gut; seine Bücher sind meistens mit geistreichen Randglossen versehen, ein Beweis, daß er das Gelesene durchdacht und in sich ausgenommen hatte. Er führte, wo er auch war, eine ausgebreitete Corrcspondenz, welche Zeugniß eines überreichen Geistes und eines warmen Gefühls für alles Humane ablegte. Seine hervorragende Bildung ließ ihn eine sehr geachtete Stellung im ganzen Kreise einnehmen, und nicht wenig hatte er zu thun und zu kämpfen, um Vorurtheile zu zerstreuen, welche den Fortschritt de« Juden auf Schritt und Tritt in Polen hemmten, — und hier galt es mit Christ und Jude zu fechten. — Die Ersteren tbaten Nichts und verlangten Alles, die Letzteren sahen im Fortschritt den Verlust der Religion. Ein leuchtendes Beispiel war Louis Meyer den Juden, daß man ein glühendes Herz für daS Judenthum haben und dennoch ein vorzüglicher Sohn feines Vaterlandes sein und auf der Höhe der Bildung stehen könne. Im Jahre 1861 brachte die Reorganisation deS Königreichs, unter dem Markgrafen WielopolSki, manche Beseitigung der Schranken, und bei der ersten Wahl wurde Louis Meyer in den KreiSraeh gewählt, — der leider in Folge des Aufstandes niemals functioniren sollte. Im spätern Alter erblindete der wackere Mann, wurde von Dr. Gräfe glücklich operirt, konnte sich jedoch leider des wiedergewonnenen Augenlichts nicht lange erfreuen. — Er starb am 25. März 1569 allgemein betrauert. —" Was uns hier aus des Ehrenmannes hinterlassenen Papieren geboten wird, ist eine reiche Fülle mannigfaltiger Gaben: Gedichte, Lieder, Aufsätze, Briefe, Gedankenspäne, dramatische Versuche und Fragmente. Meyer war kein Genie, aber ein Talent, wie im Ganzen der jüdiscbe Stamm verhältnißmäßig ungemein viel Talente, seltener ein bahnbrechendes Genie hervorbringt. Es ist von verschiedenem Werthe, was uns von Meyer überliefert wird, oft endet in gewöhnlicher Meise, was schwunreich begonnen, überall aber ist cs fern vom Gemeinen und Niedrigen. Als ein Beispiel seiner Ausdrucksweise und als ein Zeugniß für seine Gedankenrichtung geben wir hier ein Bruchstück aus einem Vorspiel und Plan zu „Abarbanell oder das Exil der Juden aus Spanien". Die Nachricht, daß Mauren und Juden (14921 auS Spanien vertrieben werden sollen, hat sich verbreitet. Simeon (Jude» spricht noch seine Hoffnung auf die Königin Jsabella aus, und schließt: Dem König aber und den gier'gen Rächen Muß Gold, viel Gold als Preis geboten werden.