Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1871)
- Date
- 1871-09-05
- Page
- Seite 719 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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719 Oesterrcichischungarische Monarchie. Wien, 20. August. Die Wahlagitation ist unter den eigenthümlichen politischen Verhältnissen hier gegenwärtig von einer noch nie dagewesenen Heftigkeit. Es gilt die Existenz der Verfassung, es gilt den Bestand der deutschen Partei, es gilt vielleicht auch die Beständigkeit und Ausführung der verfassungsmäßigen Grundrechte. Es versteht sich, daß auch die Juden aufs lebhafteste dabei interessirt und bctheiligt sind.?ic Ezechen suchen zwar theils durch Verheißungen, tHeils durch Drohungen die Juden auf ihre Seite zu ziehen; allein jene haben bereits zu deutlich ihre wahren Gesinnungen ausgesprochen und bei Gelegenheit bethätigt,. als daß sich die Juden von ihnen dupiren ließen. So enthält auch die Presse vom heutigen Tage. einen Aufruf „Aus der Mitte der hiesigen israelitischen Eultusgemeinde/' welcher die Situation für die Juden scharf und nachdrücklich charakterisirt, und gewiß nicht ohne Wirkung bleibt. Da derselbe aber nicht mit einer Namensunterschrift versehen, sondern nur anonym ist, wollen wir hier desselben nur gedacht haben. Prag, 21. August. (Privatmitth.) Fast hat es den Anschein, als wenn die Angelegenheit der jüdischtheologischen Facultät, die noch vor Kurzem die jüdischen Kreise so lebhaft interessirte, heute schon der Vergessenheit anheimgefallcn wäre. Wenigstens ist über dieselbe in der letzten Zeit gar nichts mehr verlautet. Was daran schuld ist, weiß ich nicht. Ist es die todte Saison, n'clche ihr Einschlafen verschuldet, oder ist es der czechischc Ausgleich, mit welchem jetzt unser Ministerium vollauf beschäftigt ist, der sie momentan oder gar für immer von der Tagesordnung verdrängt hat? Der letztere Grund erscheint nicht so unwahrscheinlich, wenn man sich erinnert, mit welcher Heftigkeit die czcchischen Organe dem von ihren: Landsmanne Jirecek wieder aufgenommenen Projccte zur Errichtung einer jüdischtheologischen Facultät, gleich nach der Verlautbarung hiervon, entgegcngetreten sind. Möglich, daß das Fallenlassen dieses Projectcs die erste Concession war, welche der Ministerpräsident, Graf Hohenwart, dem czcchischen Ausgteichungsuntcrhändler, Dr. Nieger, gemacht hat. Große Ueberwindung wird dem Herrn Grafen diese Concession nicht gekostet haben und Mgcr hätte durch sie schon jetzt, wo er noch bei der Geburt des czcchischen Staatsrechtcs Hebammendienste leistet, die seinen Blindcsgenossen, den Klerikalen gegebene Versicherung, daß die Juden von diesem Kinde kein Heil zu erwarten haben, zum Theile erfüllt. Die Nichtauflösung des böhmischen Landtags hat die czechischen Blätter um eine Gelegenheit gegen die hierländischen Inden zu agitiren gebracht. Da aber das Aufreizen und Hetzen gegen Juden ihnen schon zum Lebensbedürfnis geworden ist, so haben sie sich das Nachbarland Mähren zum Schauplatz ihrer dies' bezüglichen Thätigkeit anserwählt. Die Inden Mährens, schreien sie, sollen bei den bevorstehenden Landtagswahlcn zeigen, daß die czechischc Nation sich nicht vergeblich von ihnen das Blut aussaugcn läßt, durch das Wählen von nationalen Eandidaten sollen sie bekunden, daß sie mit dem Aussaugen czechischen Blutes eine czechischc Gesinnung cinsaugen, wo nicht, so wird die Nation sie nach Verdienst belohnen. Worin diese Belohnung bestehen wird, das geben sie nicht näher an, ist aber nach den von den Ezechen bisher den Juden zu theil gewordenen Belohnungen nicht schwer zu errathen. Unter den Mitgliedern der hiesigen Tempelgemeinde circulirte dieser Tage eine Petition des Inhalts, daß die Orgel auch an Samstag und Feiertagen den Ehoralgcsang begleiten solle. Hier spielt nämlich die Orgel bisher nur bei Trauungen, am Freitag Abend, Rosch- Hachodesch, Ehol-Hamoed, Channka, Purim, 9 Ab und bei außergewöhnlichen im Tempel stattfindenden Feierlichkeiten. Die Petition, zu welcher wahrscheinlich die neue großartige Orgel, welche diesen Sommer im Tempel ausgestellt wurde uttb gegen 3000 fl. gekostet hat, die Veranlassung gegeben, ist von der überaus großen Mehrzahl der Tempelmitgliedcr unterschrieben worden. Ob dieselbe vom Tcmpelvorstande eine dem Umstande entsprechende Erledigung erhalten wird, das wird sich wegen der herannahenden Festtage in kürzester Zeit zeigen. Aus dem Grunde erwähnen wir auch nicht das Nähere der Gerüchte, welche gegenwärtig über diesen Gegenstand hier in Umlauf sind, so sehr sie auch geeignet sind auch außerhalb Prags zu interessiren. Diese Woche starb hier der erste Confessionslose. Obschon derselbe ursprünglich Katholik und nur mit einer ebenfalls a(6 confessionslos erklärten ' Jüdin yerhcirathet war, hat die Beerdigungsbruderschaft ihn 36