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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-22 · Heft 34 (22.8.1871) · p. Seite 688

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 34 (22.8.1871)
Date
1871-08-22
Page
Seite 688 (sequence 20)
Language
German
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688 unwissende Arbeiter; der Heiratsvermittler klagt in der ihm eigenen, schalkhaften Weise, daß ihm der Tod den besten Fang aus den Händen gewunden habe; ein einfältiger aber redlichmeinender Rabbiner bedauert nur, daß ihn der Tod allzu früh weggerafft, als daß ihm der Prophet Elia die Echtheit des Buches „Sohar", in das er sich vor seinem Tode besonders vertiefte, hätte versichern können, mit welcher Versicherung er alle Bedenklichkeiten der neuern Kritiker niedergeschlagen haben würde u. s. w. Adam aber hält ihnen ein ganz anderes Bild ihrer Lebensweise vor, als sie es sich in ihrer Selbsttäuschung und Selbstheuchelei vorgestellt haben, begnügt sich aber auch oft ihnen nachzuweisen, wie sie, die den Tod anklagenv, gar vielfach sich denselben zu Nutze machten und gewissenslos jede Gelegenheit ausbeuteten, die er ihnen darbot. Trotz desien daß die Anlage des Gedichtes die Gefahr der Monotomie in sich trägt, weiß der-Verfasser demselben eine ziemliche Mannigfaltigkeit zu verleihen und durch feine Wendungen sanft von einer Scene in die andere hinüberzuleiten. Er schildert und geißelt in derber Weise, mit einer, man möchte sagen Heineschen Leichtigkeit, mit den schärfsten Spitzen des satirischen Griffels die Thorheiten des polnisch-russischen Judenthums — woraus aber das übrige Judenthum gar manches lernen könnte — die abergläubische Frömmigkeit, die heuchlerische Scheinheiligkeit, das Verkümmernlassen der Jugend, das unbedingte Hangen an der Vergangenheit, die Abneigung gegen Wissen und Industrie und wie die Laster alle heißen. Unübertroffen steht die Darstellung des Stocktalmuvisten (VdVd“)) da. Er gebraucht gegen Adam dieselben Waffen, die er sein Leben lang mit vielem Geschick geführt. Durch eine scharfsinnige talmudische Discussion leitet er seine Klage ein und will Adam durch seine geschnörkelte Verschrobenheit und sophistischen Winkelzüge in die Enge treiben, worauf sich Adam in herber Weise über die ganze Richtung des Pilpul ergeht und dieselbe verdientermaßen geißelt. Nachdem der Dichter in 15 Gesängen oder besser Satiren das Judenthum uns darstellt, welches am alten Herkommen festhält, führt er uns im 16ten und letzten Gesang einen Repräsentanten der sg. „Aufgeklärten" vor, deren leidenschaftlichen Trieben die alte Sitte drückend ist, die aber noch nicht vom wahren Geiste echter Bildung durchdrungen sind und in sich nicht den mindesten, sittlichen Halt haben. Es ist dies eine „junge Leiche", die mitten auS dem Strudel der sinnlichen Vergnügungen gerissen in Adam einen alten Duzbruder zu erkennen sich einbildet, den er als einen asiatischen Barbaren zu verachten das Recht zu haben glaubt. Er habe das Leben zu genießen und es sich angenehm zu machen verstanden; jedes heilige, jedes religiöse Gefühl sei ihm fern geblieben — dergleichen sei blos für Thoren erdacht. In Scherz und Spiel sei ihm die Zeit vergnüglich. dahin geschwunden; in Gesellschaft gleichgesinnter Freunde oder Zechgenossen seien lüsterne Weisen angestimmt worden und der Mädchenchor habe auch nicht gefehlt. ... In Sinnestaumel und Weinesrausche habe er sich leicht auf dem Schifflein deS Lebens dahingewiegt — aus den angenehmen Träumen schüttelt ihn unsanft der Tod, und von der Höhe seines irdischen Glückes reißt ihn plötzlich eine alte Schuld, die auf der Menschheit lastet! Da konnte Adam nicht mehr an sich halten, sein Innerstes war empört und er schüttet die ganze Macht seines Zornes und Spottes auf dieses verächtliche Haupt. Noch steht er trotzig da, der übermüthige Wüstling, als „Baladon der Höllenhund" auf ihn losstürzt. Es entsteht ein mächtiges Getöse, ein verzweifeltes Ringen — wodurch der Dichter aus seinem Schlummer erwacht — bis der ,/Höllenhund" endlich die Oberhand gewinnt, und der Besiegte in den Orkus sinkt. Dieser Schluß gemahnt an den von Faust mit dem Unterschiede, daß, während jener die Spitze der Tragik, dieser den Gipfelpunct der Komik erreicht. Der Epilog mit seinem versöhnenden Schlüsse, der nun folgt, wirkt besänftigt auf das Gemüth und läßt den Leser über den ganzen Inhalt Nachdenken. Wollte man sich in der Weltliteratur um eine ähnliche Erscheinung poetischen Schaffens umsehen, so fiele der Blick auf jenes das mittelalterliche Wesen umfassende Gedicht, auf Dante's „Hölle". Können wir auch in dem uns vorliegenden nicht jene riesenhaste Phantasie finden, die das italienische Gedicht auszeichnet, und die sich in den höchsten und tiefsten Regionen edle Gebilde schafft; fehlt diesem auch die epische Einheit und ist es mehr durch einen äußern Kunstgriff als durch eine innere künstlerische Durchbildung — was der Dichter auch gar nicht bezweckt — zusammengehalten: so hat es doch das voraus, daß es, auf volkstümlicher Basis beruhend, Typen zu seinen Trägern hat und seinem ausgeprägt satirischen Charakter treu bleibt. Und wenn im 13. Jahrh. der einfältige Pöbel auf den Dichter der „göttlichen Komödie" hinwies und in seinem dunkeln Gesichte und krausen Haare zu erkennen glaubte, daß er in der Hölle war, so wird heutzutage manch einfältiger Jude überzeugt sein, daß der Urheber dieses Gedichtes in die Hölle' kommen w ird! Wir aber können nur den Wunsch äußern, der geistvolle Verfasser möge weiterhin seine Feder dem Dienste der hebräischen Muse weihen und auf der betretenen Bahn weiter fortschreiten! Sievering bei Wien im Juli. vr. Limchi. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redacteur Dr. H. Lotze.

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