Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1871)
- Date
- 1871-08-22
- Page
- Seite 680 (sequence 12)
- Language
- German
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680 reich behaupteten Schlachtfelde bis zum Hellen Morgen, sich in ihrem Ruhme berauschend. Dies Alles aber geschah unter den Augen der Polizei, die selbstverständlich zu einer Intervention keinerlei Anhaltspunct finden konnte, da ja der ganze Skandal — nur gegen Juden gerichtet war. Beide Fälle: das gewaltsame, von dem Präfecten veranlaßte Eindringen der. Commissäre in die Bethäuser zu Botuschan am 5. v.'M. und zwar während des Gottesdienstes, sowie die wiederholten Lersuche des Lieutenants Pruncul und des Eapitäns Horoseanu im Garten „Ollateau aux fleurs“ zu Jassy den Spott der Menge gegen die Juden herauszusordern, um dadurch möglicher Weise einen Judenkravall hervorzurufen, diese beiden Fälle bringen wir hiermit zur Kenntniß der betreffenden Herren Minister in der gewissen Voraussicht, daß dieselben eine schleunige Untersuchung gegen die Genannten einleiten und die Bestrafung der Schuldigen veranlassen werden. (Auf diese Bestrafung wird man wohl so lange warten müssen, wie der ganze rumänische Staat besteht.) —. Das jetzige Ministerium hat in der Behandlung der Juden den status quo bis jetzt eingehalten, indem es weder den schreienden Mißbräuchen abhalf, noch irgend eine Verfolgung begünstigte, wie dies das frühere gethan. Die zahlreichen und heftigen Gegner des Ministeriums und der Negierung des Fürsten Karl überhaupt benutzen aber schon diese Unthätigkeit betreffs der Juden zu maßlosen Angriffen und bedienen sich der furchtbarsten Lügen, um die Bevölkerung gegen die Negierung aufzuhctzen. Der Zustand ist allerdings unerträglich und unhaltbar. Rußland. Schirwindt, N. August. (Eingesandt.) Zu dem geistigen und materiellen Elend, von dem die Juden in der benachbarten polnischen Stadt Neustadt, wie die meisten ihrer Glaubensbrüder in Westrußland heimgesucht werden, zu den vielen Opfern, welche die in der ganzen Gegend wüthende Cholera aus ihrer Mitte weggerafft hat, gesellt sich noch die dortige Beamtenwirthschaft, die ihr Unglück vergrößert, ihre Leiden vermehrt. Seit Anno 1863 Hausen dort russische Beamte, die mehr durch Protection, als durch ihre Fähigkeiten einträgliche Aemter bekleiden; dieselben schalten und walten nach Belieben, verfahren gegen die armen, jüdischen Einwohner der Stadt auf das Grausamste, und ihre Willkür kennt keine Grenzen. Fast täglich kommen Fälle vor, daß unschuldige Leute, ohne gerichtliche Untersuchung, von dem jetzigen Natschalnik Namens Chudiakow, einem wilden, launenhaften Officier, verhaftet werden. In den Fußtapfen dieses edelmüthigen Herrn wandeln die niedrigern Beamten, da sie im Voraus wissen, daß ihr Vorgesetzter ihre Handlungsweise gegen die Juden nur billigen wird. Sein Vorgänger Samiatin war zwar nicht fähig in seinem Amte als Kreisrath zu fungiren, stiftete aber kein Un-. heil in der Stadt, weil er von Charakter ein Weichling, aber ein edler, ehrenwerther Mann war; dieser ist höheren Orts verleumdet und seines Amtes entsetzt worden. Die gewöhnliche Begrüßung, mit der Herr Chudiakow die sich an ihn wendenden Juden, selbst die anständigsten Kaufleute aufnimmt, ist: paschol won (gehe fort). Welche Stufe die Justiz in der benachbarten polnischen Stadt erreicht hat, wird folgendes Factum lehren. Am 9. d. M. kaufte ein Jude, Namens I. R., auf einer dort im Zollamt stattgcfundenen Auction 4 Faß Branntwein, für welche er auch das Geld entrichtet hat. Bei der Empfangnahme dieses bezahlten Branntweins wollte ein Beamter, Namens Seßnowitz, dem Käufer nur 3 Faß verabfolgen lassen. Der Jude ging selbstverständlich darauf nicht ein und forderte stürmisch das Geld, oder die bezahlte Maare vollständig. Da wurde er von Seßnowitz, einem aufbrausenden eitlen Polen, auf eine schreckliche Weise gemißhandelt und auf Verlangen des Zollamtsdirectors Jakuschewski ließ ihn Chudiakow, ohne die Sache zu untersuchen, nach der Wache schleppen und einsperren. Der Gemißhandelte ist in der Wache krank geworden, und als die Angehörigen des unschuldig Eingesperrten, bei diesen ungesunden Zeiten, wo selbst eine leichte Krankheit einen Schrecken einjagt, um seinen Gesundheitszustand besorgt, den Natschalnik inständigst um seine Befreiung baten, da er ernstlich erkrankt sei, gab der Wüthrich zur Antwort: puskai on umirat (mag er auch crepiren). Der dortige Apotheker, Namens Petruschek, der beste unter den in Neustadt wohnenden Polen, sagte, als man von ihm die Medicin für den Gemißhandelten kaufte und er dieses Actum crudeli-