Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1871)
- Date
- 1871-08-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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35. Jahrgang. Allgemeine JW 32. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Phrlippson in Bonn. Leipzig,, den 8. August 1871. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal Dienstags, in -2 bis 2'/a Bozen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Merteljährig 1 Thlr. Inserat: werden mit Is)igr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. 'Alle Buchhandlungen, Postämter und ZettungS-ExpedMoncn nehmen Beste!« lungen an; der Haupt-Expedirion für beide Letztere har sich daS König!. Sachs. Haupt-ZeitungS-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Ein eclatauter Fall von Unduldsam-, keil. — Literarischer Wochenbericht: Potsdam. — Die verschiedenen Gesichtspuncte. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leipzig. Frankfurt am Main, Solingen, Hirschl'erg, TauberbischosSheim, Augsburg. — Oesterreichisch-ungaris che Mon archie: Wien. — Italien: Aus Oberitalicn. — Donaufürste nthümer: Bortuschan. — Rußland: St. - Petersburg, Kiew, Moskau, Warschau. — Amerika: Rew-Dork. Feuilleton-Beilage: vr. Gottfried Schmelkeö, Arzt zn . Teplitz. — Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, 30. Juli. Ein eclatanjer Fall von Un-uldsamkeii. Wenn wir den folgenden Fall hier zur Sprache bringen, so geschieht dies nicht, weil die Sache an und für sich von irgend einer Bedeutung ist, sondern weil sich darin eine Gesinnung ausspricht, und eine Anschauung so recht deutlich exponirt, die mit dem Maßstabe unsrer Zeit sowohl als auch mit dem der Gerechtigkeit überhaupt gemessen, sehr ausfällig erscheint und nicht unterschätzt werden darf. Der Vorfall charatterisirt nachdrücklich noch sehr verbreitete Gesinnungen, welche in den verschiedensten und oft maßgebenden Kreisen vorherrschen; es zeigt sich hier die Engherzigkeit und Einseitigkeit, welche nicht selten uns gegenüber die Macht besitzen und den Ausschlag geben. Die Wirkung mag in dem gegebenen Falle leicht zu ertragen sein; in sehr vielen Fällen, von denen wir noch so manche aufzählen könnten, tritt sie hemmend entgegen und zerstört in der ungerechtesten Weise Lebensglück und gemeinnützige Wirksamkeit. Wir können nicht Unterlasten hierbei hervorzuheben, daß der Geist der Intoleranz gegenwärtig aus dem Volke viel mehr geschwunden ist, als aus denjenigen Männern, welche der sg. gebildeten und studirten Elaste angehören-, sowie er sich auch bei Weitem mehr den intelligenten Juden fühlbar macht, als der jüdischen Maste, besonders in ihren materiellen Interessen. Männer, welche Gymnasium und Universität besucht und ebenso sehr den Plato und Aristoteles wie die Bibel studirt haben, athmen einen Geist der Inhumanität und der Ungerechtigkeit, welcher beweist, daß sie ebenso wenig jene wie diese wahrhaft begriffen und in sich ausgenommen haben. Wollte man von dieser so oft beobachteten Erscheinung rückwärts schließen wollen, so würde man zu der Ansicht gelangen, daß auch die blutigen Verfolgungen des Mittelalters viel weniger vom Volke selbst ausgingen, als von den Aufreizungen und Kundgebungen derer, die dastelbe zu leiten berufen waren. In Selow, einem Städtchen nicht weit von Berlin, stellt die aus ungefähr 30 Familien bestehende Gemeinde durch ihren Vorstand an den Magistrat daS Gesuch, für den Religionsunterricht ihrer, die öffentliche Schule besuchenden, Kinder eine Schulclaste zu gewähren, und dieses Verlangen wird dadurch unterstützt, daß dieser Unterricht nur zu einer Zeit ertheilt werde, wo die Schule