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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-25 · Heft 30 (25.7.1871) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 30 (25.7.1871)
Date
1871-07-25
Page
Seite 600 (sequence 12)
Language
German
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600 haben ihm natürlich den Weg geebnet und der Glauben, daß hier ebenfalls ein Ausbruch von Fanatismus erfolgen könne, wie er in Odessa vorgekommen ist, hatte sich hier bereits seit längerer Zeit unter der niedrigeren Bevölkerung verbreitet und die Gemüther aufgeregt. Amerika. New-Iork, 23. Juni. Wir haben in vor. Nr. dem „Hebr. Leader" einen kurzen Bericht über die Versammlung von Rabbinern und Eantoren behufs eines Gebetbuches entnommen. Die neueste uns zugekommene Nr. d. Bl. bringt einen Artikel des Dr. M. J.astrow über diese Conferenz, in welcher wirklich Skandalöses vorgegangen. Die Thatsachen, welche dieser Artikel bespricht, zeigen leider von Neuem, wie die amerikanischen Juden von sg. Rabbinern, Predigern und Lehrern, die aus Europa herübergekommcn, beschwindelt werden, nicht etwa allein um ihr Geld, sondern, was mehr sagen will, um ihre religiöse Ueberzeugung, um ihr Judenthum, für dessen Erhaltung und sittliche religiöse Wirksamkeit die jüdischen Gemeinden doch begründet und unterhalten werden. Leute, welche in Europa kaum eine untergeordnete Lehrerstelle auszusüllen vermochten, geben sich in Amerika die hochtrabendsten Titel und geriren sich als Autoritäten, gestützt auf die religiöse Unwissenheit ihrer Heerden. Für ihre Nichtbeachtung in ihrem ehemaligen Vatcrlande rächen sie sich durch das Haschen nach Freigeisterei, während sie doch von jüdischem Brode leben. In der gedachten Conferenz ließ sich ein sg. Rabbiner dahin aus, es gebe keine Versöhnung, keine Sühne für begangene und bereute Sünden; die ganze Bibel wisse davon Nichts u. s. w.l Dr. Jastrow in seinem vortrefflichen, markigen Artikel will eine solche Unwissenheit und freche Behauptung nicht bekämpfen, aber er wirft den Mitgliedern dieser Conferenz vor, daß sie sich nicht einmüthig gegen eine solche Ignoranz und Anmaßung erhoben. Aber noch mehr, ein Anderer, ein Dr. Meher, sagte, daß fixirte Gebete ganz unstatthaft wären, da man nur zu einem persönlichen Gotte beten könnte, und es Viele gäbe, die an einen persönlichen Gott nicht glaubten, zu denen auch er, der Rabbiner, gehörte. Dies ist nun jedenfalls eine noch größere Lächerlichkeit und zugleich höchste Unsittlichkeit. Denn zuerst, warum an einen Gott, wie dieser Meyer ihn sich vorstellt, nur keine fixirten Gebete richten, während doch consequenter Weise an einen solchen überhaupt kein Gebet gerichtet werden kann? Dann, wenn dieser Rabbiner an keinen persönlichen Gott glaubt, d. h. an keine selbständige, freie Gottheit*), sondern nur an die unpersönliche Natur, also an die Identität Gottes mit der Natur, mit einem Worte, wenn er Pantheist ist, wie kann er sich als Jude geriren, wie.kann er Rabbiner sein wollen? Durch das erste Moment macht er sich einfach lächerlich, wenn er überhaupt betet, sogar das Mitglied einer Gebeibuchcommission ist und selbst fixirte Gebete machen will; im anderen Momente aber betrügt er seine Gemeinde, oder sie müßte sich mit ihm als aus dem Judenthume ausgetreten, als eine der freireligiösen Gemeinden erklären. Und auch hierbei verhielt sich die Conferenz ruhig. Dr. Jastrow schließt seinen Aufsatz mit den Worten: „Wir schämen uns der Conferenz. Wir schämen uns nicht vor der amerikanischen Judenheit, denn Diejenigen, die Wissen und sittliche Entrüstung genug besitzen, um sich mit uns zu schämen, protestiren offen oder im Herzen gegen derartige Fäulniß und Verwahrlosung, und die größere Masse der amerikanischen Juden hat, Dank der seit Jahren mir allen religiösen und moralischen Begriffen offen betriebenen Eskamotage, allen gesunden Sinn verloren. Aber wir schämen uns vor den intelligenten Nichtjudcn, die, auf welchem religiösen Standpunkte sie auch immer stehen mögen, tiefen Ekel empfinden müssen über die sittliche Verkommenheit, die sich in unserer Mitte kund gegeben hat. Wir schämen uns vor unseren europäischen Glaubensgenossen, welche nicht wissen werden, ob sie uns für so stumpf oder für so unwissend halten dürfen, daß Rabbiner \l) es wagen können, uns Derartiges zu bieten. Laßt uns den Muth haben, uns zu schämen!" *) Wir haben uns schon früher darüber ausgesprochen, daß wir den Ausdruck „persönlicher Gott" in jüdischen Kreisen darum nicht lieben, weil ihn Viele nicht verstehen und ihn deshalb leicht mißverstehen. An sich ist er aber durchaus richtig, denn er bedeutet, daß wirklich ein Gott i st, eine freie, selbstständige Gottheit, welche die Welt geschaffen hat, also nicht daffelbe mit der Welt, den Wesen, den Geschöpfen ist — also der Grundbegriff des Judenthums, der Gegensatz zum Heidenthume, zum Pantheismus. Redact.

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