Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1871)
- Date
- 1871-07-18
- Page
- Seite 579 (sequence 11)
- Language
- German
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579 In einem nicht besseren Zustande befinden sich die jüdischen Elementarschulen im Warschauer Bezirke (im Königreich Polen), deren es Ende 1869 nur 25 auf eine Bevölkerung von 650,000 Juden gab. Daß ein so geringes Bedürfnis für Elementarschulen vorhanden ist, läßt sich nur durch den schädlichen Einfluß der Ehassidim erklären, die nur danach streben, Fanatismus und Dunkelheit unter ihren Glaubensgenossen zu verbreiten und dieselben davon abzuhalten, ihre Kinder in die gedachten Schulen, in denen übrigens die russische Sprache Unterrichtssprache ist, zu schicken. Um dem wirksam' entgegenzuarbeiten, scheint es nur ein Mittel zu geben: Schulzwang. Die ungünstigen Verhältnisse der israelitischen Regierungsschulen gaben bereits wiederholt den Gedanken ein, sie ganz aufzulösen und die für sie verwendeten Gelder den allgemeinen Lehranstalten zuzuwenden, welche ja ebenso gut von den jüdischen Schülern wie von denen der anderen Confessionen besucht werden können. Freilich ließe sich dieses Project nur stufenweise durchführen; beginnen könnte man damit vielleicht in denjenigen Lehrbezirken, in welchen die Juden in der Bildung höher stehen und weniger abgeneigt sind, sich in dieser Hinsicht der christlichen Bevölkerung zu assimiliren. Wie dem aber auch sei, — das ist unzweifelhaft, daß die öffentliche Erziehung und Bildung der jungen jüdischen Generation einer gründlichen Reform bedarf, welche geeignet wäre, jener eine den staatlichen Interessen entsprechende Richtung zu geben. Das Material, welches jener Reform zur Grundlage dienen könnte, ist bereits im Ministerium für Volksaufklärung gesammelt." So weit der amtliche Bericht, aus dem unverkennbar hervorgeht, daß die russische Regierung die Erziehung und Hebung der großen jüdischen Masse im Kaiserreiche mit wohlwollender Energie ins Auge gefaßt hat und unausgesetzt verfolgt. Keineswegs aber sind etwa aus ihm ungünstige Schlüsse auf den Bildungsdrang der Inden überhaupt zu ziehen; denn abgesehen von allen anderweitig uns vorliegenden amtlichen und nicht amtlichen, statistischen Mitthciluugen, beweist schon die von der Regierung selbst zugegebene große Anzahl und Frequenz der Ehadarim, Jeschibot, Talmud.Thoras nebst den vielen Haus-Melamdim zur Genüge, daß in dem gemeinsten Juden der Hang und Drang zu geistiger Beschäftigung ein überaus kräftiger ist, und daß er sich die Erziehung und Bildung seiner Kinder oft weit über seine Kräfte kosten läßt. Es kommt nur, wie der vorstehende Regierungsrapport sehr richtig hervor gehoben hat, darauf an, dieselbe den Bedürfnissen und Ansprüchen der Gegenwart, den Interessen des Staa tes entsprechend zu gestalten. Freilich wird dies nicht das Werk eines allzukurz bemessenen Zeitraums sein können und sich auch nicht mit allzuleichter Mühe vollziehen lassen; die Folgen einer Jahrhunderte langen Versündigung an den Juden, ihrer grundsätzlichen und gründlichen Vernachlässigung und Ausschließung, lassen sich aber nicht binnen wenigen Jahren beseitigen. Das ehrenvolle Zeugniß wird aber wohl selbst der ärgste Judenfeind den Juden Polens und Rußlands nicht vorenthalten können, daß sie in den wenigen Jahren, seit denen sie, unter dem milden und humanen Seeptcr Alexanders II., freier athmen, sich regen und bewegen können, sehr bedeutende Fortschritte gemacht haben, und bereits ein ziemlich erhebliches Contingent zur Intelligenz und Cultur des Landes stellen; daß sie somit die kurze Zeit, sczit welcher die drückendsten, individuellen, gesellschaftlichen und staatlichen Beschränkungen und Rechtsungleichheiten für sie beseitigt sind, recht gut ben'.rtzt haben. Es wird sich dies in einem noch überraschenderen Grade zeigen, wenn erst die Grundbedingung eines freieren, frischeren Auflebcns und Aufschwungs, die Freizügigkeit, auch den Juden Rußlands geboten ist. Denn dies ist unser cceterum ceuseo: ohne Freizügigkeit ist eine radicale Heilung der Gebrechen, welche der großen Masse der jüdischen Bevölkerung des russischen Kaiserreichs noch anhafren, nicht denkbar. Diese, im Verein mit dem Schulzwang, wird binnen kürzester Frist überraschend günstige Resultate zu Tage fördern und den schädlichen Einfluß der Ehassidim rascher lahm legen, als sich gegenwärtig mancher ahnen läßt. Der polnische Jude gerade besitzt einen seltenen Grad von durchdringendem Verstand, von scharfsinnigem Witz, von lebendiger Rührigkeit und Gewandtheit. Eigenschaften, die, bei gehöriger Pflege, auch für das allgemeine Wohl von außerordentlicher Fruchtbarkeit sich erweisen dürften. Was die jüdischen Elementarschulen anbetrifft, so halten wir gerade ihre Existenz für eine nicht hoch genug anzuschlagende Wohlthat, ja für eine unumgängliche Nothwcndigkcit; denn nur durch sie können die unteren Classen, denen namentlich dann, wenn religiöse Interessen, wirkliche oder nur vermeintliche, mit . 29*