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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-27 · Heft 26 (27.6.1871) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 26 (27.6.1871)
Date
1871-06-27
Page
Seite 518 (sequence 10)
Language
German
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518 sind es allein die gelehrten, welche in Deutschland als Juden noch Hindernisse in ihren Karrieren finden. Die ersteren sämmtlich genießen alle bürgerlichen Freiheiten und Rechte wie die Christen. Die Auswanderung kann also nicht durch den religiösen Druck veranlaßt worden sei. Dies erweist sich auch dadurch, daß die deutschen Juden viel später in größerer Zahl zur Auswanderung gegriffen als die deutschen Christen, ja erst seit den fünfziger Jahren, wo bekanntlich die bürgerliche Rechtsgleichheit auch in den deutschen Staaten so große Fortschritte gemacht hat. In Bayern allein hat die Unduldsamkeit früher eine größere Zahl Juden zur Auswanderung bewogen, da hier bis 18-18 die jüdische Bevölkerung an eine bestimmte Familienzahl und die Berheiralhung an die Erlangung einer Matrikel gebunden war. Diese bayrische Auswanderung ging aber lediglich nach Amerika. Paris, 10. Juni. In diesen Tagen verstarb ein Mann, der als eine charakteristische Figur unserer Zeit, besonders der französischen Zustände unter dem zweiten Kaiserreich, hier erwähnt werden mag. Aehnliche Gestalten aus der Periode, welcher dieser Mann entsprungen, gab es mehrere und giebt deren noch heute. Hoffen wir, daß wir ihrer in Zukunft entbehren. Wir meinen Jules Mirös, der am 9. Teeember 1809 in Bordeaux geboren war, sich durch Speculatiouen aller Art, auch durch Gründung mehrerer Journale zu schwindelnder Höhe emporschwang, von der er dann, wie bekannt, plötzlich herabsank und nur durch Processe seinen Namen immer wieder ins Gedächtniß zurückricf. Bekannt ist auch, wie er sich um die Gunst der päpstlichen Curie auf jede mögliche Weise bewarb, und, obgleich für seine Person Jude geblieben, seine Frau und Kinder katholisch werden ließ. Diese Verbindung gereichte ihm nicht zum Segen, sondern versetzte ihm den ersten Stoß. Erwähnen wollen wir jedoch, daß sich Mirös nicht selten freigebig gegen jüdische Wohlthätigkcitsanstalten erwies, während seine Familie dasselbe gegen die katholische Kirche that. — Es geht hier das Gerücht, daß Armand LevY, der einst in Rumänien eine von Einigen für seine Glaubensgenossen günstige, nach Anderen unvortheilhafte Rolle gespielt, immer aber viel Talent und Eifer erwiesen hat, durch die Commune den Tod erlitten, weil man ihn in Verdacht gehabt, mit Versailles zu correspondiren, was ihm selbstverständlich in unseren Augen zum Verdienste gereichen würde. Wir konnten bis jetzt dieses Gerücht noch nicht verisiciren. Marseille, 8. Juni. Welche Verhältnisse in Familien gemischter Religion eintreten, hat sich wieder einmal recht augenscheinlich gezeigt. Von hier, wo Mirös am 7. d. begraben wurde, wird berichtet, daß das Leichenbegängttiß ein höchst einfaches, beinahe verstohlenes war. Mirbs starb in Villemare bei Marseille auf dem Schlosse seines Eidams, des römischen Grafen Gustav Rozan, zweiten Gemahls seiner Tochter, welche in erster Ehe mit einem Fürsten Polignac verhcirathet war. Die Familie hatte daS Begräbuiß in aller Stille vollziehen und nicht einmal Partezettel ausgeben lassen. Dem Manne, welcher, zur Zeit seines Glanzes in Paris gestorben, wie ein Fürst begraben worden wäre, folgten in Marseille nicht einmal ein paar'Freunde. Mirös war Jude; sein Eidam Mr. Rozan, eifriger Katholik, Ehrencavalier Sr. Heiligkeit, päpstlicher Gras und Mitglied aller möglichen katholischen Vereine, glaubte, beim Begräbuiß seines Schwiegervaters jede Ostentation vermeiden zu sollen. In der den Journalen zugestelltcn Todesanzeige des Vaters seiner Frau hatte der fromme Herr v. Rozan sogar den Namen des Verstorbenen unterdrückt. Großbritannien. London, 14. Juni. Die Vorlage zur Abschaffung der beschränkenden religiösen Amtscide an den Universitäten Oxford, Cambridge und Durham ist, nachdem das Unterhaus die von den Lords beliebten Abänderungen größtentheils gestrichen hat, an das Oberhaus zurückgclangt und wurde trotz des Widerspruches Lord Salisbury's in der freisinnigen Fassung des Unterhauses angenommen, so daß diese langjährige Reformarbeit endlich zum Schlüsse gediehen ist. Rußland. Warschau, 5. Juni. Ter „K. Z." schreibt man von hier: Die durch die fortwährenden polizeilichen Vexationen wegen der jüdischen Kleidertracht veranlagten Auswanderungen der Inden aus dem Königreiche Polen nach Westen dauern fort und scheinen in letzterer Zeit sogar größere Dimensionen angenommen zu haben.

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