Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1871)
- Date
- 1871-05-09
- Page
- Seite 385 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage )n Ar. 19. Leipzig, den 9. Mai 1871. Lesefriichte. 3. DaS arische Pferd und der semitische Esel. (Bon Ui-. Formstecher in Ostenbach a. Rh.) Zoologie liisloriquc. — Note sur lane et le elieval dans les antirpiiles des penples Arycns par M. Fr. Lenormant. *) Die vergleichende Sprachforschung erfreute sich in der neueren Zeit unter dem Namen Glottik solch einer sorgfältigen Pflege, daß sie dankbar bereits anderen Wissenschaften die schönsten Dienste zu leisten vermag. Nicht nur für die Ethnographie der Vorzeit öffnet sie verschiedene bisher unbekannte Wege, sondern auch dem Forscher der antiken Zoologie erschließt sie so manches, früher unbekanntes Gebiet. An der Hand dieser Glottik versuchte Lenormant die Frage über die ursprüngliche Heimath des Esels und deS Pferdes zu lösen, und gelangte bei dieser Forschung zu einer Hypothese, welche auch von anderen, von ihm nicht erwähnten Gründen unterstützt zu werden verdient. Diese Untersuchung Lenormant's möge hier in einem kurzen, umgearbeiteten Auszuge folgen. Zur Lösung der bezeichneten Aufgabe stehen uns weder literarische noch monumentale Documente zur Seite; als den einzigen Wegweiser in jenes vorhistorische Gebiet können wir deshalb nur die aus jener Urzeit zu uns herabgeflostene Sprachenquelle betrachten, weshalb auch diese Forschungsweise eine linguistische Paläontologie genannt werden darf. Es kann vorausgesetzt werden, daß jeder Volksstamm seine Hausthiere aus derjenigen Thiergattung zähmte und züchtete, welche in seinem Wohnorte heimisch war. Der Grönländer schuf seine Heerden von Rennthieren, der Hindu von Elephanten; ist demnach der Ort bestimmt, wo zuerst daS Pferd und wo der Esel als Hausthier austritt, so ist für die Zoologie auch die ursprüngliche Heimath dieser Thiere gefunden. — Bei ihren verschiedenen Wanderungen von ihren Ursitzen in neuere Niederlastungennahmen die Urahnen der gegenwärtigen Völkerfamilicn auch ihre ursprünglichen Hausthiere mit ihren heimathlichen Benennungen mit in ihre neuen Wohnsitze. Dasjenige Thier, welches bei diesen verschiedenen Bölkerfamilien mit einem und demselben Namen austritt, war somit ein bekanntes HauSthier bei dem Nrstamme dieser Völkerfamilien, ehe er sich in mehrere Zweige vertheilte. Der Urstamm der unter dem Namen Arier bekannten Völkerfamilien befand sich aus den Hochebenen-Baktriens, von welchen herab, wie die vergleichende Sprachkunde -nachweist, einige Stämme gegen Süden , nach Persien und Indien, und andere gegen Westen und Norden, nach Griechenland und Italien, sogar bis zur skandinavischen Halbinsel gezogen. Bei den Völkerfamilien dieses arischen Urstammes findet sich für das Pferd, und zwar in nach bestimmten sprachlichen Gesetzen nmgebogenen Formen eine und dieselbe Bezeichnung, nämlich in folgenden Uebergängen. Das Pferd heißt im Sanscrit a<;va. im Zend aepa, persisch asp, armenisch asb, litthauisch nszwik, lateinisch efjims, griechisch Ynnoc von Yxqoc und Yxxog (äolischer Mundart), gallisch epos, gothisch aihvus, altallemannisch elm. Die Wurzel dieses Wortes, ursprünglich „das Schnelllaufende" bezeichnend, entstand demnach auf den Hochebenen Baktriens. Dort war somit das Pferd bei dem Urstamme der arischen Bölkerfamilien bereits vor seiner Verzweigung in verschiedene Familienstämme bekannt, dort muß deshalb auch die ursprüngliche Heimath des Pferdes gefunden werden, und von dort wanderte es mit den einzelnen Völkerstämmen als HauSthier in deren neue Wohnsitze. — Ursprünglich wurde das Pferd nur als Zugthier verwendet; in den Vedas ist daS Reiten noch unbekannt. Den Ursprung des Reitens verlegt die Geschichte nach Thessalien, wo die ersten Reiter als Kentauren, Stierbändiger, erscheinen. Lehrt uns auf diesem Wege die vergleichende Sprachkunde, daß das Pferd bei allen Zweigen deS arischen Volksstammes denselben Namen führt, daß demnach seine ursprüngliche Heimath da gefunden werden muß, wo in der vorhistorischen Urzeit jener VolkSstamm seinen ersten Wohnsitz hatte, so lehrt uns die Bezeichnung für den Esel, daß dieses Thier aus jenem Erdstriche stammt, in *) Comptcs rendus hobdnmndairrs dos seanecs de l'Aeademie des Sciences. No. 6. Fevrier 1870. Paris 1870. p. 276.