Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1871)
- Date
- 1871-05-02
- Page
- Seite 365 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Femlleton-Mlage zu Rr. 13. Leipzig, den 2. Mar 1871. Lesesriichte. 2. Jüdische Glaubenslehren. In der Nr. 7. von uns besprochenen Broschüre „Jüdische Dogmen" giebt der gelehrte Löw eine Uebersicht über die Geschichte der Aufstellung jüdischer Glaubensartikel, welche wir hier wiedergeben. Im Mittelalter wurde das Feld der Dogmatik von der arabisch-spanischen Schule angebaut, in welcher der Geist der Systematik einheimisch war. Eine numerische Glaubensform scheinen zuerst die Karäer, der Anregung des Islams folgend, aufgestellt zu haben: Jehuda Hedessi, Arzt in Konstantinopel in der Mitte des zwölften Jahrhunderts, zählt zehn Glaubensartikel als längst bekannt auf.'l Die erste rabbanitische Aufzählung von Glaubensartikeln stammt aus Kairuan in Afrika. Ihr Urheber ist Chanauel b. Chuschiel igest. 1050). Er sagt: „Es sind vier Hauptstücke des Glaubens: 1. der Glaube an Gott; 2. der Glaube an die Propheten; 3. der Glaube an die künftige Welt; 4. der Glaube an die Ankunft des Befreiers Israels. „Die Gläubigen", fügt er hinzu, „haben Belohnung, die Ungläubigen Strafe zu erwarten."^) Die zweite numerische Darstellung der Grundlehren ist um ein ganzes Jahrhundert jünger, als die Ehananel's. Sie hat den Philosophen und Geschichtsforscher Abraham b. David Ha-Levi in Toledo zum Urheber. Seine Grundlehren betreffen 1. das Dasein; 2. die Einheit; 3. die Attribute; 4. die Werke Gottes; 5. die Vorsehung. Der zweite Theil des Werkes „der erhabene Glaube" ist der Erörterung dieser Grundlehren gewidmet. Die dritte Zusammenstellung trat 1168 in Aegypten ans Tageslicht: mit seinem Mischnacommentare übergab Moses Maimonides auch die in demselben niedergelegten Glaubensartikel der Oefsentlichkeit. Dieselben betreffen 1. die Existenz, 2. Einheit, 3. Geistigkeit. 4. Ewigkeit, 5. exclusive Anbetung Gottes; — 6. die Prophetie, 7. Unerreichbarkeit Mose's, 8. Authentie und 0. ewige Verbindlichkeit der Thora; — 10. die Vorsehung, I I. die Vergeltung, 12. den Messias und 13. die Auferstehung. Maimonides hebt zumeist diejenigen Lehren hervor, durch welche sich daS Judenthum vom Christenthum und vom Islam unterscheidet. Er will aber dieselben durchaus nicht als Ausdruck seiner subjectiven Ueberzeugung betrachtet wissen; vielmehr erklärt er in den stärksten Ausdrücken, daß die Theilnahme an der jüdischen Gemeinschaft von der Anerkennung dieser Glaubenslehren bedingt ist.*» Wiewohl nun Maimonides in seinen theologischen Werken auch noch andere Religionsvrincipien anführt ^), so fanden doch die dreizehn Glaubensartikel die weiteste Verbreitung. Ihrer allein bemächtigte sich die Poesie') und die religionsphilosophische Discussion. Ich muß Sie indeß bitten, dies nicht zu verstehen, als ob der Inhalt der Maimonidischen Lehren von manchen Dogmatikern bestritten worden wäre. DieS war nicht der Fall. Die Lehren selbst erfuhren keinen Widerspruch. Die Verhandlungen darüber haben rein methodologisches Gepräge; sie gehörten unter den spanischen, provenzalischen und italienischen Juden im vierzehnten' und fünfzehnten Jahrhundert zu den TageSfra» gen, deren Lösung die Gebildeten lebhaft interessirte. Die Wortführer theilen sich in drei Gruppen. Die eine Gruppe bilden die selbstständigeren Dogmatiker, welche in der Aufstellung der Grundlehren des Juden» thums ihren eigenen Weg einschlagen, wie Abba Mari, oder Don Astrnc En-Duran de Lunel in Montpellier, der die philosophische Richtung des Maimonides sonst bekämpfte, aber den Freidenkern seiner Zeit gegenüber nur drei Grundlehren aufstellte: Gott, Weltschöpfnng, Vorsehung; der in Neapel, am Hofe des später in Ungarn herrschenden Königs Karl Robert wissenschaftlich tbätige Scheinarfa Negroponti; der gegen die christliche Exegese polemistrende Lippmann aus Mühlhausen; CbaSdai Kreßkas in Saragossa; Joseph Albo in Soria; Joseph Jaabez, spanischer Emigrant in Mantua. Als Epigone derselben erscheint Abraham Ehajjim Viterbo gegen Ende deS siebzehnten Jahrhunderts in Venedig. Zur andern Gruppe gehören die Vertheidiger der Maimonidischen Anordnung, wie Simon b. Zemach Duran in Algier; Abraham Bibago in Spanien; der Arzt David b. Leon Mantuanus; JesaiaS Horwitz.