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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-02 · Heft 18 (2.5.1871) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 18 (2.5.1871)
Date
1871-05-02
Page
Seite 355 (sequence 7)
Language
German
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;355 Schlages in allen Konfessionen eigenen Anmaßung und Zudringlichleit sofort in den Vordergrund und legre die ganze bisherige Zeit des Reichstages für sich mit Beschlag. Mit einer Unmnwnndenheit, welche leicht noch übler bezeichnet werden tonnte, trugen sie sofort der Thronrede gegenüber auf eine Adresse an, welche Kaiser und Reich zu einem Römerznge für die wieder- Herstellung des päpstlichen Staates verpstiwien sollte. Von einer erdrückenden Mehrheit zurückgewiesen, ließeu sie sich nicht abhalten, derselben Einumthigteü sätnnulicher übrigen Fraetionen des Üteichsrages gegen über auf die Einfügung gewisser, einige Grundrechte anssprechendeu Paragraphen der preußischen Versassnng in die jetzt blos formell zu reoidirende Berfassuug des deutschen Gleiches auzinragen. Es trat diesem Anträge von vornherein ein zioiefaches Bedenken entgegen. Zuerst ist das dringendste Bedürfnis dem neuen Reiche durch die revidirte Verfassung schnell eine sichere Unterlage zu geben und dabei fest auf ton mit deu deutschen Südsraaten geschlossenen und vom norddeulscheu Reichstage und den Landtagen dieser Staaten bestätigten Verträgen stehen zu bleiben. Alles dies würde durch eine Einfügung von Grundrechten ltub die weitläufige Erörterung derselben, sowie durch die eiuschueideude Parteispaltnug, die dabei zu Tage kommen müßte, in Frage gestellt werden; und bedenkt man, daß jener Antrag von denen ansging, welche bis zur letzwlt Stunde die erbittertsten Eigner der deutschen Einheit gewesen, so muß das Mißtrauen, mit welchem man ihn anfnahm, imbeschränkt sein. Statt der drängendsten fragen von augenblicklicher Wichtigkeit sollte man sich mit vagen Grundrechten beschäftigen. Dasselbe Äcißlrauen mußte aber wo möglich noch mehr geweckt werden, wenn mall sich zweitens die Männer atifah, von welchen der Antrag auf Preß und Vereinssreiheit, aus eoufesfiouclte Gleichberechtigung und Freiheit der tlieligiousübuug und RVligiousgenofsenschasteii aiisgegangen. Lie bestehen ans Vekeuueru der päpstlichen Unfehlbarkeit, denn bekaumlich war dies das Lchibolet bei der Wahlagitation, und kein .Katholik wurde gewählt, der gegen die Unfehlbarkeit proteslirt halte. Durch dieses Dogma aber wurden zugleich der Syltabus und die Eucyeliea zu Glaubeusnuv Griiublehren der römisch-katholischen Uirche er- Hart. 3ii diesen beiden päpstlichen, von den versammelleu Bischöfen genehmigten Erlassen werden aber die oben aufgestihnen ,Freiheiten, wird vor Allem die confessionclle Gleichberechtigung als Erfindung und Werk des Satans gebrandmarkt und dem Anathema übergeben. Und mm treten dieselben Männer mit der Forderung dieser Freiheiten auf und stellen sie als das Palladium des Rechtes hin. Hier konnte Riemand zweifeln, daß eine geheime Absicht, eine Be Nutzung verdammter Mittel zu. einem höheren heiligen Znwcke zu Grunde liege. Denn wie könnte sonst die Kirche, loelche über alle Schriftwerke eine unbedingte Eensnr ausznüben beansprucht, auf den Wegfall alter Eeusnr antragen? die, welche auch in allen bürgerlichen Beziehungen den Katholiken Vorrecht und Herrschaft gewährleistet haben will, und jeder anderen Eoufession und Religion die freie Uebuug absprichi, jeyr das Gegeutheil verlangen? Es -war also selbstverständlich, daß diekonservativen, Rationalliberalen und Fortschrittler, kurzum sämmrliche Parteien und Fraktionen des Parlaments sich gegen diesen Antrag der Ultramontanen erhoben und ihn zum Falle brachten. Mau halte also das eigemhümliche Schauspiel, den Bischof Bettler von Mainz, einen Reichensperger, Windhorst, Mallinkrodt u. A. für die verfassungsmäßige Garantie jener Freiheiten und Rechte plaidiren zu sehen, während ein Blankenburg, Miguel, Wwe, Schulze u. A. sich vereinigten, dagegen zu sprechen! Dennoch aber muß man gestehen, daß es immerhin ein merkwürdiges Zeichen der Zeit ist, daß selbst jene Anhänger der ausschließlichsten Kirche für die unbedingte Glaubens- und Gewissensfreiheit in die Schranken treten mußten. Wie zweideutig und gefährlich auch diese Freiheit in den Händen dieser Partei wäre, sie haben damit doch eingestanden, daß ohne diese Freiheiten eine wirksame und kräftige Existenz nicht mehr möglich ist; sie haben damit eingeräumt, daß in unserer Zeit jede Beschränkung des einen Dheiles auch eine Beschränkung aller anderen Theile mit sich sühn; daß man im Besonderen und Geheimen sich zu anöschließenden und verketzernden Ansichten bekennen kann, aber in der Dessentlichkeit und Wirklichkeit das allgemeine Recht anerkennen muß. Za, ein Bischof Ketteler mußte nicht blos für die Protestanten, sondern auch für die Juden ausdrücklich und wörtlich dasselbe Recht und dieselbe Freiheit fordern. Eine solche Erscheinung war denn doch iverth, daß sie hervorrrat und einige Tage Debatten in Anspruch nahm. — Ans das Einzelne haben rvir natürlich nicht einzngchen. Es versieht sich, daß den Herren ihr eigentlicher Ltandpnutt

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