Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1871)
- Date
- 1871-04-18
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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319 des Vereins auf die Höhe des Bedarfs zu bringen. An Bemühungen läßt es der Vereins-Vorstand, an dessen Spitze Rabbiner Dr. Bamberger steht, gewiß nicht fehlen. Posen, im April. (Privatmitth.) Bei Erwähnung des jüngsten Erlasses des Herrn v. Mühlcr „Die Zulässigkeit jüd. Mitglieder bei städt. Schuldeputationen" betreffend, knüpfen Sie, geehrter Herr Rcdacteur, die Frage an, wie es fortan mit der Anstellungsfähigkeit von Juden an höheren Schulen wohl gehalten werden dürfte. Ich freue mich Ihre Zweifel an der veränderten Gesinnung unscrs Herrn Enltusministers durch die Mittheilung beseitigen zu können, daß an der hiesigen städtischen Realschule der bisher provisoris ch beschäftigte j üdische Lehrer Di-. Warfchauer unterm 2 3. Febr. er. definitiv an gestellt worden ist. An genannter Anstalt wirken demnach drei Juden, und zwar Dr. JutrosinSki und Dr. Warschauer als definitiv eingestellte wissenschaftl. Lehrer und Dr. Rosenstock als Religionslehrer. Dieser letztere ertheilt in den für den Religionsunterricht im Schulplane angesetzten Stunden an sämmtliche jüdische Schüler (im verflossenen Schuljahre 117 Isr.) in 12 wöchentlichen Stunden nach sechs aufsteigenden Classen den Unterricht, und es dürfte in Rücksicht auf den an andern höheren A nstalten zu ertheilenden jüd. Religionsunterricht vielleicht nicht ohne Nutzen sein, den Lehrgang für diesen Gegenstand aus dem diesjährigen Programme hier anzuführen: Sexta: Religion: Bon Gottes Allmacht und Liebe. Bibel: Schöpfungsgeschichte bis Samuel. Quinta: Religion: Tie Gottcscrkenntniß «erläutert durch passende Schriftsprüchc«. Bibel: Die Zeit der Richter und des vereinigten Königthums. Quarta: Religion: Die Glaubenslehren, verb. mit Memorircn von Psalmen «zum Thcil im Urtext). Bibel: Die getrennten Reiche Juda und Israel bis zum Aufbau des zweiten Tempels. Tertia (A-B comb.) Die Sittcnlchre verbunden mit Memorircn ausgcwähltcr Spr. Sal. «zum Theil im Urtext). Geschichte: Die Juden unter griechischer und römischer Herrschaft. Secunda. (A-B comb.) Rel. Der Lehrinhalt des JudenthumS entwickelt am Dekalog. Gesch.: Die talmudische Epoche bis zu den spanischen Dichtern. Prima. Rel.: Das Leben und Schriftthum der Propheten. Geschichte: Das Judenthum und seine Literatur bis zum 15. Jahrhundert. Durch die Berufung des Rabb. Dr. Perl es nach München erleidet nicht allein die hiesige Brüdergemeinde einen herben Vertust, sondern auch die gesammtc Gemeinde wird diesen, als Gelehrter wie als Mensch, gleich ausgezeichneten Prediger mit tiefem Bedauern von hier scheiden sehen. Es werden demnach in nicht langer Zeit zwei Stellen hierorts zu besetzen sein: das Rabbinat der Gemeinde und die Predigerstelle der Brüdergemeinde. — Für die Besetzung des zweiten Bürgermeisterpostens in unsrer Commune «der bisherige zweite Bürgermeister ist Oberbürgermeister geworden«, hat die Stadtverordnetenversammlung den bisherigen jüdischen Stadtrath Dr. .jnr. Samter ins Auge gefaßt, und cs würde durch diese eventuelle Wahl eine wichtige Principienfragc an unser» Minister E u l c n b u r g herantretcn, der wohl an Liberalität seinem unzertrennlichen Amtsgenossen o. Mühler nicht wird nach stehen wollen. irbsjnn on-r' München, 5. April. (Privatmitth.) Mit -Recht widmen Sie dem großen Processe, der in der katholischen Kirche gegenwärtig vor sich geht, Ihre und Ihrer Leser Aufmerksamkeit. Nachdem die tief einschneidende Erklärung des Stiftspropstes Dr. v. Döllinger der eigentliche Mittelpunct der Bewegung geworden, hat gegen dieselbe der hiesige Erzbischof einen Hirtenbrief gerichtet, um die gewichtigen Gründe D.'s gegen das Dogma vom Absolutismus und von der persönlichen Unfehlbarkeit des Papstes zu entwaffnen. Aber wie kläglich ist dieser Versuch ausgefallen! Diese Herren drehen sich immer im Kreise umher. Der Erzbischof behauptet: es käurc gar nicht darauf an, was die Bibel, die Kirchenväter und die früher» Eoncile gesagt haben, das vaticanische Eoucil im vorigen Jahre habe gesprochen, und da dieses vom heiligen Geiste geleitet war, so ist die Frage entschieden. Da nun aber auch die angeführten Instanzen vom heiligen Geiste geleitet waren, wie kann sich der heilige Geist aus diesen seinen eignen Widersprüchen hcrausretten? Der Erzbischof sagt 2; Wenn die Geschichtsschreiber das zu untersuchen hätten, was die Kirche entscheidet, so würde alle katholische Wahrheit aufhören — ein trauriges Geständniß! Er fordert dennoch die Wissenschaft auf, die Lehren der Kirche zu prüfen, und ist gewiß, daß