Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1871)
- Date
- 1871-04-11
- Page
- Seite 312 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Mittel den evangelischen Consistorien und Kirchenbehörden, um ihre Heerde in frommer Zucht und demüthigem Gehorsam zu erhalten; das Judenthum kennt sie nicht und bedarf ihrer nicht. Schon der Ausgang des vor Kurzem zu Lundenburg in Mähren vorgekommenen, und wenn ich nicht irre, auch in diesen Blättern erzählten Falles hätte den Karlsbbadern in dieser Beziehung zur Belehrung dienen sollen. In dem bezeichneten Orte in Mähren, wo ein ähnlicher Fall, wie der zu Karlsbad, aus demselben Grunde sich ereignete, wurde dem Confessionslosen schon nach wenigen Tagen vor seiner Confessionslosigkeit so bange, daß er das Zehnfache der Eultussteuer gern bezahlte, um nur wieder in die Gemeinde ausgenommen zu werden. Im Laufe des Winters haben im Vereine „Aphke- Jehuda", außer den in meinem vorigen Berichte schon genannten Herren, noch folgende Herren der Reihe nach Vorträge gehalten:!>,. Tauber über „Maimonideö"; ln-. Back über „Schammai"; I>r. Kohn über „die inneren Bewegungen und äußeren Stürme zur Zeit R. Akiba's"; 1>r. Friedländer über „die Emaucipatwn der Frauen", und Rabbiner Rosenberg über „die Todesstrafe nach dem Talmud". Diese Vorträge erfreuten sich alle eines zahlreichen Besuches und beifälliger Aufnahme, was natürlich eine Verschiedenheit ihres Werthes in Hinsicht ihrer Wissenschaftlichkeit nicht ausschließt. Allein das wissenschaftliche Moment kommt bei denselben erst in zweiter Reihe in Betracht, denn vor Allem haben sie den Zweck auf weitere, nicht wissenschaftliche Kreise anregend zu wirken, und hierzu waren alle ohne Ausnahme geeignet. Es ist daher nichts als Schmähsucht, wenn in einem, zu solchen Zwecken gern sich hergebenden, am Rheine erscheinenden jüdischen Blatte auch auf diesen Verein geschmäht und geschimpft wird. Wir wollen damit nicht sagen, daß derselbe nicht noch ersprießlicher und segensreicher wirken könnte, als dies gegenwärtig der Fall ist, aber immerhin hat er das Verdienst, während der kurzen Zeit seines Bestehens den Sinn fürjüdisches Wissen auch in solchen Kreisen der hiesigen jüdischen Bevölkerung geweckt zu haben, aus welchen derselbe schon ganz geschwunden war. Spreche man daher nicht: was ist das, daß die früheren Tage besser als diese gewesen? Denn-nicht auö Weisheit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit fragt man Solches. Dieser Satz gilt auch in Bezug auf viele andere Zustände in hiesiger Gemeinde, darüber aber ein anderes Mal. Aus Würtemberg, im März. tPrivatmitth.) Durch Erlaß der königlichen israelitischen Oberkirchenbehörde vom 28. Februar d. I. wurde für alle Synagogen des Landes aus Anlaß des Friedensschlusses die Abhaltung eines Dankgottesdienstes in der Weife angeordnet, daß nach Recitirung der Psalmen 9. 33 u. 9 t» und nach dem vom Gesangchore vorgetragenen Liede Nr. 105 der Maier'schen Gebetordnung vom Rabbinen, beziehungsweise Vorsänger die Festpredigt über den Text Psalm 89, 16—18 gehalten wurde. In mehreren israelitischen Gemeinden des Landes, wie in Buchau und Göppingen, fanden feierliche Züge zum Gotteshause statt, welchen sich, um sich an dem Gottesdienste zu betheiligen, auch Christen anschlossen. Die von dem Herrn Kirchenrath Iw. v. Maier in Stuttgart und von dem Rabbiner Herz in Göppingen bei dieser Feier gehaltenen Predigten wurden aus vielseitiges Verlangen durch den Druck veröffentlicht und finden dieselben um so reicheren Absatz, als deren Ertrag für die Hinterbliebenen der im Kriege gefallenen Würtemberger und für die deutsche Jnvalidenstiftung bestimmt ist. In wahrhaft humaner Weise und im acht israelitischen Geiste wurde von mehreren unserer Glaubensgenoffen im Lande die Friedensfeier durch Acte der Wohlthätigkeit verherrlicht. So ließ Herr Dr. Rosentfyal* Fabrikant und Kirchen Vorsteher in Göppingen, 58 Kinder der dortigen Waisenanstalt „Wilhelmshilfe", 35 Soldatenfrauen und 140 weitere Stadtarme am Tage vor der Friedensfeier, am Sonntag den 5. März, auf seine Kosten speisen, nachdem er bereits früher 500 fl. dem Jnvalidenfond zugewiesen hatte. Denselben Fonds soll, wie wir hören, Herr Consul Dreifuß in Stuttgart mit 10,000 fl. am genannten Tage bedacht haben. Möge in Anerkennung des edlen Patriotismus, welchen zahlreiche Jsraliten in reichen Spenden zur Linderung des durch den Krieg herbeigeführten Elends in hervorragender Weise bekundeten, endlich der letzte Rest kränkender Zurücksetzung und Ausschließung schwinden und im geeinigten Deutschland ein Recht und ein Gesetz für Alle ohne Unterschied in Wahrheit und in Wirklichkeit zur Geltung kommen. Verlag von Bailingnrtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchsrld. Verantwortlicher Nedacteur Dr* H. Lotze.