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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-11 · Heft 15 (11.4.1871) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 15 (11.4.1871)
Date
1871-04-11
Page
Seite 311 (sequence 23)
Language
German
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Bll Correspondenz. Prag, 22. März. (Privatmitth.) In einer Betrachtung über die nächste Gestaltung der innern Zustände und Verhältnisse in Preußen und in Oesterreich sagen Sie in Bezug auf letzteres, daß daselbst der Kampf zwischen den verschiedenen nationalen Parteien in erster Reihe steht und daß das Ministerium Hohenwart-Jiricek, wie es auch in allem Andern sein mag, gewiß bestrebt sein wird, durch eine liberale Handhabung der bestehenden liberalen Gesetze unter' allen Parteien sich Anhänger zu verschaffen. Diese optimistische Voraussetzung aber scheint sich nicht erfüllen zu wollen. Denn seit der Aera Hohenwart-Jiricek fahren nicht bloß die czechisch-oppositionellen Blätter fort in altgewohnter Weise auf die Juden zu schimpfen, sondern auch das hier erscheinende czechisch-officiöse Blättchen hat sich ihnen beigesellt — schöne Seelen finden sich — um in das Concert der Judenschimpfereien miteinzustimmen und gelegentlich auch mit seinem Geifer dieselben zu besudeln. So schrieb dasselbe neulich bei einer Besprechung der in Frankreich vorgekommenen llnterschleife, daß es dann kein Wunder sei, wenn der Jude Cremieux, welcher auch Mitglied der Regierung war, Hunderttausend Francs dem Staate geschenkt. Man muß selber ein großer Schelm oder vom Judenhaß ganz durchdrungen sein, um mit solcher Frechheit den makellosen und von aller Welt geachteten Namen Cremieux's mit vorgekommenen Unterschleifen in Verbindung zu bringen. Ach, wenn alle Diejenigen, welche bei uns im Dienste des Staates stehen, Cremieux's wären, dann würde man wahrlich in Oesterreich, wo bekanntlich die Unterschleife nicht zu den Seltenheiten gehören, von derartigen Vorfällen nie etwas zu hören bekommen. Am Tage zuvor schrieb dasselbe Blättchen, daß ihm ein anonymes Schreiben zugekommen, welches mit einem Hoch auf Mazzini schloß, und macht hierzu die witzig sein sollende Bemerkung, daß der Briefschreiber gewiß geglaubt habe, daß Mazzini ein jüdischer Getreidelieferant bei den Garibaldianern gewesen sei. Möglich, daß diese eklen Ergüsse mehr dessen czechischeu als officiösen Charakter zur Quelle haben und daß das Ministerium mit denselben nichts zu thun hat; denn in allen hierzulande von Czechen geschriebenen und herausgegeben Zeitungen, wenn auch in deutscher Sprache, wird sich selten eine Spalte finden, in welcher Ausdrücke wie: „jüdische Frechheit, orientalische Anmaßung, semitische Unverschämtheit" u. s. w. u. s. w. nicht wenigstens einige Male sich wiederholen würden. Immerhin aber sind derartige judenfeindliche Auslassungen in einem anerkannt officiösen Blatte geeignet, das größte Mißtrauen gegen den Liberalismus der Regierung hervorzurufen, und sollte dieselbe schon in ihrem eigenen Interesse, um ihre ohnehin schon zahlreichen Gegner nicht noch zu vermehren, dergleichen nicht dulden und ihre Sache dnrch anständigere, sie nicht compromittirende Anwälte vertreten lassen. Uebrigens wird das Ministerium wahrscheinlich bald Gelegenheit haben Farbe zu bekennen und sich offen zu erklären, wie es über die confessionellen und Staatsgrundgesetze denkt. Ein israelitischer Lehrer Namens Spitz wurde nämlich in Folge seiner pädagogischen Tüchtigkeit und vielseitiger gediegener Bildung vom Karlsbader Bezirksschulrath an eine Schule berufen, an der bisher nur Katholiken gelehrt hatten; darob großes Wehgeschrei in klerikalen Kreisen. Der Cardinal Schwarzenberg, dieses Wehgeschrei vernehmend, legte, unbekümmert um die Staatsgrundgesetze, nach welchen der Genuß bürgerlicher und poliiischer Rechte mit der Confession nichts zu thun hat, sein Veto gegen diese Berufung ein. Der Fall liegt nun dem Landesschulrathe zur Entscheidung vor, und sollen sich in demselben verschiedene Meinungen geltend machen. Bor Allem die Meinung solcher Herren, die bei derartigen Sitzungen gerne durch ihre Abwesenheit zu glänzen pflegen; sodann aber auch die Ansicht, es biete sich hierbei die beste Gelegenheit, das Ministerium zu zwingen Farbe zu bekennen, man solle die Frage zur Entscheidung an das Ministerium senden. Wie nun der hiesige „Tagesbote" ganz richtig bemerkt, wäre es zunächst an dem Landesschulrathe selbst Farbe zu bekennen, und habe er nichts anderes zu thun, als sich an die klare Bestimmung des Gesetzes zu halten und diesem allseitig Respcct zu verschaffen. Erst, wenn trotz seiner Entscheidung dem Staatsgrundgesetze anhaltend entgegengetreten würde, wäre ein Recurs an das Ministerium zu leiten, jetzt aber liege noch kein Anlaß vor, um erst dieses um eine Interpretation der Staatsgrundgesetze anzugehen. Jedenfalls wird in Kurzem entweder der Landesschulrath oder das Ministerium in dieser Angelegenheit eine Entscheidung treffen müssen, und wir werden sehen, ob unsere Staatsgrundgesetze nur dazu da sind, um auf dem Papiere zu stehen, oder um bei sich darbietender Gelegenheit zur praktischen Anwendung zu gelangen. In Karlsbad hat sich ein Jude, weil ihm die von der dortigen Repräsentanz auferlegte Cultussteuer zu hoch schien, für confessionslos erklärt. Aus diesem Anlasse hat die Repräsentanz ans Antrag des Rabbiners eine „Resolution" angenommen, bei deren Abfassung eine Mischna in Baba-Kama, welche mit etwas anderem, als womit sie begonnen, schließt, imsacli lrakatl wcszijein hach»wies, als Muster gedient zu haben scheint. Dieselbe beginnt nämlich mit einem Hymnus aus die Gewissensfreiheit und schließt mit einer Ehrloserklärnng solcher, die ans materiellen Gründen sich für confessionslos erklären. Es ist zu bedauern, daß eine jüdische Gemeinde, mit dem Prediger an der Spitze, zu einem solchen, dem Geiste des Judeuthums widerstrebenden Mittel gegriffen hat, um eine Wiederholung des Vorfalles zu verhüten und eine Nachahmung des bösen Beispieles hintanzuhalten. Ueberlaffen wir derartige

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