Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1871)
- Date
- 1871-04-11
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
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294 lischcn (Geistlichkeit. Diese Anschauung, welche ans die Dauer allein ein friedliches Berhältniß zu den andern Confessionen und zum Staate ermöglicht, ist fast überall unterlegen. Die universelle und anti-nationale Tendenz der katholischen Kirche ist auf die Spitze getrieben und drängt ihre Anhänger überall zum Kampf gegen die nationale Staatenbildung. Sie begnügt sich nicht mit der Freiheit der Kirche und der nirgendwo mehr als in Preußen gesicherten allgemeinen Gewissensfreiheit. Sie will herrschen und beherrschen, sie kommt überall mit den bestehenden Staatsgewalten in Eonsliet, weil sie überall in die dem Staat allein zusteheuden Gebiete eiugrcist. Diese Partei, nachdem sie lange Zeit die Aufrichtung Deutschlands und die Wiederherstellung des Deutschen Reichs aufs heftigste bekämpft hat, sucht jetzt die deutsche Reichsmachr sich unter than zu machen oder doch ihr Forderungen abzuzwingen , deren Erfüllung schweres Unheil für den jungen Sraat herbeiführen müßte. Sie zwingt den Staat, wenn er sich nicht unterwerfen will, schließlich zur entschiedenen Abwehr, und wird nach meiner Ueberzetlgung auf die Tauer am meisten der katholischen Kirche wie den: religiösen Bewußtsein überhaupt gefährlich werden. Aber die gewaltige Macht dieser helite in der katholischen Kirche zur Herrschaft gelangten Partei ist nicht zu unterschätzen. Hier liegt die größte Gefahr und die schwerste Allfgabe unserer nationalen Entwicklung. Entschiedenes Festhalten der Staatssoiweränetät in den dem Staate gehörigen Gebieterr, ohile jemals in die rein kirchlichen Gebiete gervaltsam einzugreisen, sorgsame Pflege des Unterrichts llud der Volksbildung, gleiches Recht für alle Eonfessiouen, Stärkung des Natioualgcfühls durch Wort und Schrift, eifrige Verbreitung der richtigen Erkenntnis; der wahren Zwecke der politisch-kirchlichen Bestrebungen — dies sind die einzigen Mittel, welche uns zu Gebote stehen, welche aber auch, meiner Ueberzengiulg nach, sicher zlnn Ziele führen. Wir müssen und können hoffen, daß aus der Mitte der katholischen Kirche selbst eine heilsame Reaetion hervorgehen wird, und daß das gesunde Rationalgcfühl der deutschen Katholiken am Ende Sieger bleiben wird über die romanischen Herrschaftsgelüste der Gegenwart." Es ist in der That stets schon ein halber Sieg, wenn man auf die Ziele und Kräfte des Gegners aufmerksam ist, jene klar erkennt und diese nicht unterschätzt. Dies zeigt sich denn auch in diesem Augenblicke in dem soeben bekannt gewordenen Entwürfe zu einer Adresse des Reichstages auf die Thronrede des deutschen Kaisers. Der Entwurf ist aus einer freien Commission heroorgegangen und haben ihtn die Delegirten aller Fraktionen mit Ausnahme der klerikalen, beigestimmt. In demselben wird unumwunden jeder Versuch zu Gunsten der weltlichen Herrschaft des Papstes, sich in die inneren Angelegenheiten Italiens zu mischen oder gar die alten Römerzüge der deutschen Kaiser zu erneuern, zurückgewiesen und abgeschnittcn, und hiermit das ausgesprochene Ziel der katholischklerikalen Partei vereitelt. Es hat daher die ultramontane Fraktion einen anderen Adreßentwurf eingebracht, aus welchem der sich gegen jede Intervention in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten aussprechende Satz weggelassen ist, eine Negation, welche die Bedeutung sehr positiver Absichten hat. Es wird daher eine interessante Debatte geben, wenn auch die Niederlage der Ultramontanen sicher ist. Man vergesse nicht, daß die Thronrede selbst diese Nichteinmischung ausgesprochen und der erste Adreßentwurf sie nur noch stärker betont. Die stets so stark accentuirte Loyalität der frommen Männer steht also durchaus nicht an, sich gegen die Thronrede zu wenden, und der kaiserlichen Politik eine Richtschnur vorschreiben zu wollen, welche sie nicht einschlagen will. Dieselbe ultramontane Partei wirft auch noch einen anderen Stein des Anstoßes in die Berathungen des Reichstages. Man war in demselben einig, die nach den Ereignissen in ihren Formeln zu revidircnde Reichs- Verfassung ohne Weiteres anzunehmen und später an die materiellen Verbesserungen zu gehen, um eben das Werk der Einigung nicht aufzuhalten. Selbst die Fortschrittspartei erklärte sich dahin. Anders die ultramontane Fraction. Sie hat beantragt, die Paragraphen der preußischen Verfassung betreffs des Verhältnisses zwischen Staats- und Religionsgenossenschaften in die 'Reichsverfassung aufzunehmen. Was sie damit bezweckt, ist klar. Sie will die Glaubensfreiheit zum Schutze der Jesuiten und Klöster, und zugleich will sie von vornherein den Parteihader, die Spaltung der großen liberalen Partei in den Reichstag hineinwerfen. Wahrscheinlich begeht sie einen Irrthum und befördert nur ihre eigene Jsolirung, indem sie sich selbst mit der conservativen Partei in Zwiespalt bringt. Alles dies haben wir vorzugsweise der preußischen Rheinprovinz und Westphalen zu verdanken.