Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1871)
- Date
- 1871-01-31
- Page
- Seite 95 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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95 [am. Wenn wir uns in jenem Artikel entrüstet über die schnöde Beurtheilung von Messing und insbesondere seinem „Nathan der Weise" aussprachen, so müssen wir um so entrüsteter über die Sprache eines Wilhelm Reuter sein, zumal wenn sein Lehrbuch hier — und wohl auch in den Schulen anderer Städte — in einer höheren Töchterschule, die auch von jüdischen Mädchen besucht wird, obligatorisch eingeführt ist. Bor Allem wollen wir doch einmal schauen, wie Reuter den armen Lessing tractirt. Zur Beleuchtung hiervon bedarf es nur einiger Worte, deren sich jener bei seiner Charakteristik dieses gefeierten Dichters zu bedienen erlaubt oder vielmehr erfrecht. Nachdem er nämlich Hessings Ausspruch angeführt: daß das Forschen nach Wahrheit ihm mehr gelte als die Wahrheit selbst, bricht er in folgendes Naisonnemcnt aus: „Daß bei einem so vermessenen Stolze sein Suchen nach der Wahrheit erfolglos und ihm die Gnade des Glaubens verschlossenbleiben mußte, ist nicht zu verwundern. Sein religiöses Glaubcnsbekenntniß: Gleichstellung aller Religionen (das wurmt wohl den Herrn R. am meisten), Zndifferentismus, legte er in seinem Drama „Nathan der Weise" nieder, wo er das Christenthum dem Judenthum und dem Islam gleich, ja eher noch tiefer stellt. Cr trug viel zur Verbreitung des Unglaubens und der religiösen Gleichgültigkeit bei." So bricht Herr Reuter, der wenigstens seiner religiösen Anschauungsweise nach mit dem intoleranten Fritz Reuter verwandt ist, über Messing den Stab; ob ihm aber hierbei eben zahlreiche Anhänger, mit Ausnahme von Fritz Reuter, Cholevius und Consortcn, zur Seite stehen, lasse ich dahingestellt. Auf gleiche Weise, wenn nicht mit noch empörenderen Worten erlaubt sich Herr Reuter, dessen Literaturgeschichte übrigens, wie ich eben sehe, in Freibnrg im Breisgau edirt ist, über „das junge Deutschland" ein Urtheil zu fällen. Dies ginge allerdings gerave diese Zeitschrift und ihre verehrlichen dieser nicht besonders an, wenn nicht der Verfasser sich erfrechte, bei dieser Gelegenheit wieder gerade gegen die Inden loszuziehen. Um Herrn Reuter um so besser zu charakterisiren, führe ich, wie oben, auch hier seine eigenen Worte an: „Durchdrungen von dem Geiste der Verneinung, mit Haß erfüllt gegen alles Christliche. strebt diese Schule darnach, alles Heilige zu verhöhnen, alles Cdle und Sittliche lächerlich zu machen. Von Inden, getauften und ungetansten, angeführt unternahmen diese Jnngdentschen einen Sturm gegen Staat und Kirche .... Der Chorführer dieser Jungdeutschen war der abtrünnige und doch innerlich nicht Christ gewordene Jude Heinrich Heine, der in feinem Leben und in seinen Dichtungen zeigte, bis zu welchem Grade der Vertcustnng der Mensch gelangen kann, wenn er Religion und Schamgefühl von sich wirft." Wie ganz anders erscheinen uns die Worte eines ungenannten Correspondenten der Gartenlaube (Jahrgang 1869 S. 633), der folgendermaßen über Heinrich Heine spricht: „Heine, ein Dichter, der unter allen Schriftstellern des letzten halben Jahrhunderts den tiefsten und nachhaltigsten Einfluß auf seine Zeit geübt und trotz vielfacher Verwirrungen seines Talentes und Charakters, für immer einen hervorragenden Platz in der Literaturgeschichte behaupten wird." Zuin Schluß erlaube ich mir noch zu bemerken, daß, nach der Ansicht der Dberin der Anstalt, eine Aenderung mit dem Lehrbuche der Literaturgeschichte nicht vorgenommen werden biirfc , da die Literaturgeschichte Wilhelm Reuters auf ausdrückliche Anordnung des Fürstbischofs zu Breslau hier eingeführt sei. Zeitungsnachricht. Danzig, 12. Jan. Eine eigenthümliche, gleichwohl aber verbürgte Geschichte berichtet der Brief eines Israeliten aus dem Felde hiehcr. Derselbe hatte sich bei Ansbruch des Krieges mit einem christlichen jungen Manne vereinigt, um gemeinschaftlich ein Markedentergeschäst zu betreiben, dasselbe war auch recht einträglich und hatte ihnen bereits einen Verdienst von einigen tausend Thalern eingetragen. In einer der letzten Schlachten wurden beide gefangen, von ihren Borräthen und Utensilien getrennt und als Spione vor ein französisches Kriegsgericht gestellt. Ohne viel Aufhebens verurtheilte dies Beide zum Tode, und zwar nach Kriegsgebrauch zur Strangulation. Das Commando das zur Exemtion bestimmt war, rückte, einen Major, an der Spitze, aus und vollzog die Hinrichtung, zunächst an dem einen, den: christlichen jungen Manne. Eben wird auch dein Anderen, dem Inden, die Schlinge um den Hals gelegt, als er in die Worte, die jeder Israelit vor dem Tode spricht: „Schma Israel", den Anfang des Sterbegebetes, ausbricht. Der die Exemtion