Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1871)
- Date
- 1871-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226800--29077-3251898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage zur Allg. Ztg. des Jndenthmns. No. 1. Erwiderung. ES ist ein gutes Zeichen der heutigen Zeil, daß die Blätter der orthodoxen Partei sich in solche Gift- und Wuthauslassungen ergehen. Wenn ich auch den frommen Correspondenten dieser Blätter sagen möchte, daß das ein schlechter Jude ist, der in der Weise schimpft und raisonnirt, und daß der die Lehren des Iureuthums nicht in sich ausgenommen hat, der über Jeden hersallr, der nicht nach seinem Sinne lebt, der selbst Persönlichkeiten an den Pranger zu stellen sucht, die gar nichts von der Partei und ihren Blättern wissen wollen, die unbekümmert um die sich bekämpfenden Parteien nach ihrem besten Wissen und Gewissen ihres Amtes walten, denen es nicht darum gilt, ihren Namen gedruckt zu sehen und in weiten Kreisen als großer Mann zu gelten, sondern ruhig und sicher wirken; wenn, sage ich, das Alles auch keine Religion ist, so erfüllen diese Blätter insofern doch eine religiöse Pflicht, da sie manchen rechtdenkenden Menschen erfreuen, indeiu sie erzählen, wie die Zeit fortschreitet, und sich nicht von einer gewissen Partei .zurückhalten läßt, die ans zwei Elementen, aus gewinnsuchenden und furchtbar dummen Anhängern, zusammengesetzt ist. Freilich; wer zum Beispiel den „Israelit" einmal ein halbes Jahr gelesen hat, wie ich, und hat cs sich angelegen sein lassen zu erfahren, ob auch Alles wahr sei, was darin steht, der bleibt bei den Berichten ziemlich unbewegt; denn ihm wird es nicht schwer gewesen sein zu erfahren, daß Wahrheit eine Sache ist, aus die es den Herren Eorresponrenten nicht so viel ankömmt, als darauf, die Bestrebungen der „neologischen Gemeinden und ihrer Vertreter" als lächerlich hinzustellcn. Wir gehören nicht zu denjenigen, die glauben, daß ihre Ansicht die aller Menschen sein müsse, und ließen deßhalb herzlich gern der orthodoxen Partei ihre Wellverbesserungsversuche, in welcher Weise sie sie auch machen, nur müßten die Leute objecliv bleiben! Wenn man aber nach Jahren, während', der man sich der Schreibweise des „Israelit" ganz entwöhnt hat, wieder zufällig einmal eine Nummer in die Hand bekömmt, worin über Männer losgezogen wird, die man vielleicht gar persönlich kennt, so ist es doch eine Idee, die man nicht unterdrücken kann, nämlich: Jeder sollte da offen und ehrlich, nicht versteckt, wie eS diese Correspendenten thun, an eine Presse gehen, die die Wahrheit mehr liebt, und sollte sagen: der Artikel in . .. enthält Lügen, die Persönlichkeit, über die losgezogen wird, kenne ich; sie har schon inehr Gutes gewirkt, als 40 Correspondenten deS „Israelit", die ich heraussuchen will. Die Artikel, die diese meine Entgegnung hicherführen, sind zn lesen in Nr. 3!), 44 und 45 des „Israelit", datiren sich aus Königsberg und Ostpreußen, und gehen gegen Herrn Rabbiner 1)r. Bamberger und seine Synagogengcmeinde. Ich verschmähe es, auf die Sache näher einzugehen, theils ist mir der Stofs zu fad und theils riecht er mir zu stark nach dem „Israelit". Zu ersterem rechne ich die großartige Erzählung vom „Cigarrenrauchen am Sabbach". Hat ein Vorsteher aus Königsberg am Sabbath Cigarren geraucht, so hat das dem Herrn Correfpondenten $. wohl nichts geschadet, Hesse ich, und deßhalb kann er eS ruhig gehen lasten. Hat der geistreiche Studiosus, jene hoffnungsvolle Blüthe, nicht geraucht, so hat das wohl Niemanden Etwas genützt, als höchstens dem Vorsteher, der seine Cigarre gespart hat, und deßhalb mag er es machen, wie er will; denn er ist auch Privatmann. Was aber endlich die Bemerkung des Herrn Rabbiner anlangt, so wird doch wohl der Corrcfpondent nicht verlangen, daß Jeder erst bei ihm aufragen soll, wie er mit den Leuten zu sprechen hat; vielleicht würde Mancher das Gewäsch, das ihm da zu sagen aufgetragen würde, nicht machen wollen, und vielleicht, ja wahrscheinlich hat Herr Dr. Vamberger mit seinen wenigen Worten ganz dasselbe gesagt, wozu der Eorrespondeut viele Sätze gebraucht hätte; denn in der Frage: „Sind Sic noch so fromm?" liegt ja nichts anderes, als daß man heutiges Tages das Ceremouienwesen wenig mehr beachtet. Daß man aber mit so einigen unschuldigen Worten das zu sagen versteht, kann sich der Correspondcnt nicht denken. Einige Worte wie „Gott soll sich erbarmen", „solche Menschen sind nicht werth, so und so zu heißen" :c. hätte Herr vr. Bamberger wenigstens hineinsticken sollen, dann wäre er „fromm" und m den Augen des Eorrespondenten gebildet. WaS mit dem Weiteren gesagt sein soll, worin Herr vi. Bamberger getadelt wird, weil er, wie Herr 3E. meint, reich ist, begreife ich nicht. Herr $. müßte gerade der Ansicht des 'Nazaräers sein, wonach kein Reicher ins Himmelreich kommen kann. Im klebrigen aber möge er