Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1866)
- Date
- 1866-06-05
- Page
- Seite 362 (sequence 8)
- Language
- German
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WWW 362 die Grundsätze der Lehrfreiheit zur Geltung zu bringen. Das Haus hält , in Anbetracht, daß „die Religions¬ und Unterrichtsfreiheit zu den schönsten Errungenschaften unserer Zeit gehört", und im Hinblick auf die bezüglichen Gesetzartikel v. I. 1848 diese Verfügung des Statthaltereirathes für beklagenswerth und als im Widerspruch mit-dem Geiste der Landesgesetze stehend, und wies die Petition, indem gegenwärtig kein Unterrichtsministerium besteht, der zur Verhandlung der Religions- und Unterrichtsangelegenheiten eingesetzten Commission zu. — In der Sitzung vom 14. endlich wurde eine von dem "in, Paris lebenden ungar. Emigranten Daniel Jrünhi, einem warmen Freunde der Judenemancipation, an das Repräsentantenhaus gerichtete Petition verlesen, die unter anderem dem Wunsche Ausdruck giebt, daß das Haus schon aus dem Grunde , daß es den Juden die Gleichberechtigung zu gewähren beabsichtigt, die Civilehe gestatte; dann die Führung der Matrikel der Geistlichkeit entziehe und der Civilbehörde übertrage. Diese Punkte wurden beifällig ausgenommen und die Bittschrift der Petitions-Commission zugewiesen. Zum Schluffe noch etwas nicht Landtägliches. Sc. Majestät der Kaiser hat jüngstens unseren Glaubensgenossen MoritzFischer, Besitzer der weltberühmten Porzellanfabrik zu Herend bei Veßprim, in Anerkennung seiner um den Staat und sein Vaterland sich erworbenen hervorragenden Verdienste taxfrei in den ungarischen Adelstand erhoben. Sal. Blum. Gr. - Beeökerek, im Mai. (Privatmitth.) Kein Volk-hat so herbe und so häufig die bittern Folgen der Schuld jedes seiner Mitglieder mitempfunden als Israel. Das Judenthum wurde stets angeklagt und zur Rechenschaft gezogen wegen der Vergehen der Einzelnen — und nach und nach ward demselben eine gewisse moralische Bürgschaft aufgedrungen, die es schadenfroh für jede von irgend einem Jud^n begangene. Unsittlichkeit und Schlechtigkeit verantwortlich wachte. Um so trauriger und schädlicher ist dieß nun, weil die böse Welt diese moralische Bürgschaft bloß im schlimmen Sinne genommen, und daß eben dadurch dem Volke nur das Schlechte, welches Jemand in seiner Mitte gethan, und nicht das Gute und Verdienstliche zugerechnet wurde. Es ist dies ein wahrer Fluch, der das Judenthum seit vielen Jahrhunderten verfolgt, da affe- Einsprachen und Verwahrungen gegen die völlig ungerechte Verantwortlichkeit der Gesammtheit für die Fehler des Individuums bisher vergeblich waren. Mochte man noch so oft und beredt die Einwendung erheben, daß doch nur dieser oder jener jüdische Spitzbube sich irgend ein Vergehen hat zu Schulden kommen lassen, wie dergleichen Fälle bei andern Völkern ebenfalls zu Tausenden Vorkommen—Alles vergebens!! Mit schelmischem Lächeln entgegnete man: Thut nichts! das Judenthum wird verbrannt! Je mehr man sich überhaupt zu schämen anfing die Rolle des Lessing'schen Patriarchen zu spielen, desto eifriger war man bestrebt, , dem Judenthume alle möglichen Makel und Mängel aufzudisputiren. Besonders sind es unsere modernen Schriftsteller, die, ad majorem Dei gloriam, bald zur Verherrlichung des Christenthums, bald zur Herausstaffirung des Japhetismus und der indo-germanischen Raffe das Jndenthum mit feiner Berechnung fortwährend herabsetzen und verkleinern. Schon bei den Alten finden wir häufig diese Klage über diese aufgebürdete Bürgschaft, die sich vor dem Richterstuhle der Vernuft gar nicht rechtfertigen läßt. Sinnig wird in Sifra die Stelle, 3. B. M. 26, 37.: Und sie straucheln Einer über den Anderen, ausgelegt per ellipsin, als würde es eigentlich heißen: Und sie : straucheln Einer über und durch die Sünde des Andern, indem ja öfters Einer für den Andern, der Unschuldige für den Schuldigen, die Gesammtheit für den Einzel- : nen verantwortlich gemacht wird. j tT'N NbN, THNS *17318 12*'8, 125^1 lbw21.; I .rrra ht ba'-nzr brsu* iub?o. thn. -pss (Vgl. auch; Jalkut u. Raschi z. St.) Die Exegese ist immer ein Bild der Zeit, woran sich die Anschauungen derselben am deutlichsten abspiegeln, und darum läßt sich auch aus der geistreichen Auslegung des Sifra das hohe Alter dieses Vorurtheils am besten beurtheilen. — Höchst atterkennens- . Werth ist es deshalb, daß einer der beliebtesten englischen Schriftsteller mit vieler Sachkenntnis dieses verjährte Unrecht' zu bekämpfen sucht — und wir erachten j es als eine Pflicht die Aufmerksamkeit der Leser dieser : Zeitung, wie dies auch die umsichtige Redaktion des; Magazin f. d. L. d. A. gethan, darauf zu lenken.! In dem eben vollendeten neuesten Buche: „Unser! gemeinschaftlicher Freund" von Boz spricht sich dieser . in einer sehr bemerkenswerthen Weise über die Stellung der Juden aus. Unter der Menge trefflicher