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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-02-20 · Heft 8 (20.2.1866) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 8 (20.2.1866)
Date
1866-02-20
Page
Seite 114 (sequence 4)
Language
German
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4M Bonn, den li. Februar. Uoch cmma! Shxlok. 5Bei\ mehrfachen Gelegenheiten, wo die Figur des Shakespeare'schen Shplok zur Verunglimpfung des Judenthums und zur Charakterisirung der Juden mißbraucht wurde, zuletzt in der vor. No. bei dem Schreiben des französischen Staatsministers Duruy an den Großrabbinen Isidor, bemerkten wir, daß historisch sich die Sache ge-, rade umgekehrt verhalten habe, daß derjenige, welcher ein Pfund Fleisch seines Leibes verpfändet hatte, ein Jude, und der, welcher es durchaus verlangte, ein Christ gewesen, und daß der Dichter willkührlich die Rollen vertauscht habe. Es gelangte darauf mehrmals die Anfrage an uns, wo sich das betreffende Faktum berichtet fände? Wir verweisen auf die No. 71 des II. Jahrgangs dieser Zeitung vom 14. Juni 1838, wo der sel. A. Muhr in einem Artikel „der Kaufmann von Venedig" ' die Quelle mittheilt. Wir halten die Sache für wichtig genug, um eine allgemeinere Verbreitung dieser Notiz und eine Benutzung derselben, wo die Veranlassung dazu sich findet, zu wünschen, und da dieser frühe Jahrgang dieses Blattes Vielen nicht mehr zugänglich sein wird, halten wir es für gerathen, die betreffende Stelle gedachten Artikels hier noch einmal zu geben: „Gregorio Leti, Biograph Sixti Y., erzählt im XI. Buche seiner mit vieler Anmuth und feinen Bemerkungen ausgestatteten Geschichte dieses Papstes manches Beispiel von dessen strenger Gerechtigkeitspstege. Unter andern wird folgende Geschichte genau und ausführlich berichtet. Im Jahre 1537, also ungefähr 10 Jahre vor dem als wahrscheinlich angenommenen Schöpfungsjahr unsres Stücks, erfährt ein angesehener und reicher römischer Kaufmann, Namens Paul Maria Secchi, ein gut' katholischer Christ, daß Franz Drake St. Domingo erobert und dort große Beute gemacht habe; er theilt diese Neuigkeit einem jüdischen Handelsmanne, Simson Ceneda, mit, dem sie aber, entweder wirklich als unglaublich erschien, oder dem daran gelegen war, sie als unglaublich erscheinen zu lassen, kurz er bestritt hartnäckig die Wahrheit dieses Gerüchts und äußerte endlich bei wiederholter Betheuerung des Gegentheils: ich verwette ein Pfund meines Fleisches, daß die Nachricht unwahr sei; und ich will dagegen tausend Scudi setzen, erwiederte der Christ, der in wunderlichem und stolzem Humor einen Vertrag aufsetzen und von zweien Zeugen, einem Christen und einem Juden, unterschreiben läßt, welcher festsetzt, daß, wenn die Nachricht falsch, Herr Paul Maria Secchi, der christliche Kaufmann, verbunden sei, dem Juden Simson Ceneda tausend Scudi zu zahlen, wenn aber gegentheils die Nachricht sich bestätigen wird, soll der christliche Kaufmann Hr. Paul Maria Secchi berechtigt sein , mit eigener Hand und wohlgeschärftem Messer dem Juden ein Pfund Fleisch von welchem Theile seines Leibes ihm, dem Christen, belieben würde, h er auszusch neiden. Gar bald war kein Zweifel über Brakes Sieg und der Christforderte die Erfüllung des Scheins. Vergebens bot der Jude tausend Scudi, als die Summe, die der Kaufmann hätte verlieren können, zum Ersatz, der Christ schwur, der Schein müsse erfüllt werden und hatte bereits einen Theil des Körpers gewählt, den, wie unser Biograph meint, die Bescheidenheit zu nennen verbietet, der Leser .aber unschwer errathen wird. In der Angst seines Herzens läuft der Jude zum Gouverneur, um durch diesen den Kaufmann zu bewegen, tausend Scudi zu nehmen, der Gouverneur aber meldet die Sache dem Papste, der nun, wie sich denken läßt, die Rolle der Portia übernimmt, was freilich den Zuschauer nicht so ansprechen möchte und auch nicht so erfreulich für die Bekehrungsgesellschaft ausfällt, da der strenge Richter nicht die Bekehrung des Juden, sondern beide Theile zu den Galeeren bestimmt, wovon sie sich nur durch zwei Tausend Scudi jeder an das Spital bei der sixtinischen Brücke loskaufen können." Das Verfahren des Dichters entschuldigt Herr Muhr mit folgenden Worten: „Daß Shakespeare diesen Vorfall vor Augen gehabt, der kurz vorher geschehen, der sich an ein englisches Nationalereigniß anschließt, bei dem der größte Mann seines Jahrhunderts in Handlung tritt, daran wird wohl Niemand zweifeln; wohl aber erlaube ich mir daran sehr stark zu zweifeln, daß Shakespeare diese Verwechslung aus Bosheit und Judenhaß vorgenommen habe. Das wäre in der That eine schwere Sünde, den gottbegabten Dichter in eine Kategorie mit der bellenden Meute jener Schweißhunde zu setzen. Nein, ihn hak ein viel höherer künstlerischer Zweck geleitet. Es bedarf keiner Ausführung, daß es aller dramatischen Wirkung verfehlt hätte, wenn der Vorfall, wie er. ge-' schehen, zur Vorstellung gekommen wäre. Ein Christ hat freilich die Grausamkeit gehabt, möglich wird sie aber nur von einem Juden gehalten"

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