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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-01-02 · Heft 1 (2.1.1866) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 1 (2.1.1866)
Date
1866-01-02
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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abgeschlossener Positivität, streng formulirt in Glaubenslehren, und Satzungen, -biegt die weite Ebene, die bearbeitet, durchfurcht, besäet und befruchtet sein will, um zahllosen Menschensöhnen Nahrung und Wohnstätte darzubieten. Diese weiten Gebiete wollen nicht von den Wassern der Verneinung überschwemmt seien, aber auch nicht von den dunklen Schatten versteinter Positivität bedeckt und von den rauhen Winden, die von ihren Schneefirsten herabwehen, durchschauert sein. Je mehr das wissenschaftliche, industrielle, politische und sociale Leben an Kraft und Entschiedenheit, an Bewegung und freier Entfaltung gewann, desto nachdrücklicher verlangte es von der Religion, sich seiner Entwicklung anzuschließen, sich mit dieser auszugleichen und die Gegensätze zur Versöhnung zu bringen. Es entstand hier zuerst der Nationalismus, der mit oberflächlicher Vernünftigkeit die Erscheinungen der Welt und des Lebens so zu verstehen und zu deuten suchte, wie sie sich äußerlich darstellen und in ihrer Oberfläche erklären lassen. Von der einen Seite wies er jede tiefere philosophische Erforschung der Dinge ab, von der andern die historische Gestalt der positiven Religion. Theils versuchte er alles Supernaturalistische in ihr, indem er es als Faktum bestehen ließ, vernünftig zu erklären, theils wollte er selbstschöpferisch auftreten und sich eine sogen. Vernunftreligivn bereiten, ohne zu merken, daß er nichts weiter that, als einige Lehrsätze der positiven Religion zu entlehnen und diese, ohne sie fundamentiren zu können, nach seinen Voraussetzungen durchzuarbeiten. Diese Pfade waren bald abgegangen, und hatten zwiefache Nachfolger. Bei den Einen wollte der Mysticismus das mislungene Werk des Rationalismus ersetzen, und ein willkürliches Gebilde der Phantasie, mit Elementen der Gemüthlichkeit verquickt in die Dogmen und Satzungen der positiven Religion hineinzwängen, um diesen ihre Herrschaft zu wahren und als Gefäße mit neuem Inhalt für weitere Zeiten zu erhalten. Andrerseits übernahm der Kriticismus das Erbe des Rationalismus, wendete sich gegen die heiligen Schriften als die Grundlagen der positiven Religion und gegen die Autorität der Satzungen als geschichtlich gewordene und darum zeitlich wandelbare. Ihm galt die nackte Thatsache, aller Umhüllung entkleidet und von ihrem geistigen Inhalte getrennt, als das allein Giltige und Begründete. Man sieht leicht ein, daß beide wohl zu vielfacher Wirkung, aber zu keiner wirklichen Herrschaft gelangen konnten, da der Mysticismus nur bei einzelnen Schwärmern und bei uncultivirten, naiven Völkern Boden findet, der Kriticismus aber für den Wünschen bedeutungslos wird, da unter seinen Händen selbst die übrig bleibende Thatsache ohne Werth und Gehalt zurückbleibt. Hierzu kam nun noch, daß die Philosophie ihren neueren Kreislauf beendet, und die exakten Wissenschaften einen noch nie dagewesenen Aufschwung errungen hatten, diese zugleich vermittelst ihrer Erfolge und Ausbreitung ihrer Anschauungen und Methode tief in das allgemeine Leben einführten, und damit den positiven Glauben unterwühlten. Bei allem Dem hat jedoch alles Historische, d. h. von Alters her Gewordene und durch große Epochen hindurch Bestehende eine außerordentliche Wucht, und in den Bedingungen seiner Existenz liegt es, daß, sobald es sich in seinem Bestände bedroht sieht, es sich nur um so fester in seine alten Mauern und Bollwerke zurückzieht. So lange das Leben ihm nur eine freundliche Hand bietet, um sich ihm zu nähern und neben ihm zu existiren, öffnet es unvorsichtig seine Thore und Zugänge, begiebt sich mitten in das Leben hinein, erfreut sich an ihm, und glaubt, indem es sich ihm anschmiegt, es auch fernerhin zu beherrschen. Kommt es aber von diesem Wahne zurück, fühlt es, daß die freie Bewegung gegen seine Hohem gerichtet ist, und diese ersteigen und abtragen will: so wacht es zu einer energischen Reaction auf, stößt alle die Ausgleichungsversuche mit eiserner Faust von sich und verlangt die unbedingte Herrschaft zurück, von welcher es selbst schon so viel aufgegeben. Man erlebte dies thatsächlich an der Aristokratie und Geistlichkeit, die im vorigen Jahrhundert so viel mit der Freiheit und Vernünftigkeit geliebäugelt, bis diese beide ihre realistischen Consequenzen forderten. Daher dieses Chaos der mannigfaltigsten Erscheinungen auf dem Gebiete der Religion, innerhalb der Grenzen aller positiven Religionen. Da stehen sich zunächst die beiden großen Gegensätze der Verneinung, wie sie sich um Materialismus, Atheismus und Pantheismus schattirt, und der abgeschlossenen Positivität in der Gestalt der Dogmen und Satzungen, wie das Mittelalter sie uns überliefert hat, gegenüber, der eine so schroff wie der andere, der eine so entschieden wie der andere. Aber je schroffer und entschiedener die Verneinung und je mehr sie durch Popularisirung in die Masse einzudringen sucht: desto nachdrücklicher erhebt sich eine Reaktion gegen sie in den edelsten und erleuchtetsten Geistern, in vielen Männern der Wissenschaft selbst — denn die Verneinung widerspricht dex innersten Natur des Menschen und allen ihren Bedürfnissen; sie

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