Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1865)
- Date
- 1865-12-26
- Page
- Seite 812 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226526--23591-3250909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
812 für die Bedürftigsten schon eine Art Vorkehrung getroffen war , die mindestens für den Augenblick noch dauert, so habe ich den von Dir mir übergebenen 21. 5. eine andere Bestimmung geben zu dürfen geglaubt, nämlich zum Unterhalte der fast dem Hungertode preisgegebenen zahlreichen jüdischen Waisenkinder, deren Eltern und Angehörige durch die Seuche fortgerafft worden sind. Ich schreibe Dir dies am Schluß eines eiligen Posttages und bedaure herzlich, nicht mehr auf Details eingehen zu können, die Dich interessiren würden. Indessen giebst Du mir wohl bald wieder Gelegenheit Dir zu schreiben, ich bitte Dich dringend die arme Colonie deines Volkes nicht aus den Augen zu verlieren. Ich selber kenne einige eben so reiche wie edelmüthige jüdische Kaufleute und Banquiers, denen nur freilich Jerusalem äußerst fern lag. Suche den Wohlthätigkeitssinn hierher zu lenken, und sei überzeugt, daß hierhergesandte Gelder nicht für irgend welchen Luxus, sondern vorläufig nur zur Anschaffung des Nothwendigsten für ungefähr 650 jüdische Familien, die im äußersten Elend leben, verwandt werden würden. Anbei überschicke ich Dir einen Nachweis des Herrn Hausdorf über die Benutzung der früheren Summe, der vielleicht für Dich einiges Interesse hat, und den Du wohlthätigen Freunden vorzeigen kannst u. s. w. G. Rosen. Aus dem in Vorstehendem erwähnten Nachweise, welcher ein namentliches Verzeichniß der von den £. 21. 5. Unterstützten gibt, geht hervor, daß jene Summe an;110 Häuser oder Partien, 257 Köpfe zählend, so vertheilt worden ist, daß pro Kopf 10 Piaster (ca. 17 Sgr.) gegeben wurden. Unter diesen 257 Personen sind vier Männer, die übrigen sind Wittwen und Waisen, und wenn eben gesagt, daß das Verzeichniß namentlich sei, so muß bemerkt werden, daß ein Posten lautet: „20 Wittwen," welche wohl aus irgend welchem Grunde nicht benannt worden sind. Correspondenz. Uusflsche Griese. Dritter Brief. (Schluß.) Sie werden, geehrtester Herr, mir hoffentlich beipflichten, daß wir in diesem Raisonnement das Rechtsbewußtsein, und das der Pflicht des Staates seinen jüd. Unterthanen gegenüber, welche ihm auflegt, um ihre materielle und geistige Besserstellung besorgt zu sein, gänzlich vermissen. Dasselbe scheint einzig und allein abgefaßt zu sein, um der russischen Nation, die etwa die nachtheiligen Folgen davon befürchten könnte, die ganze heilsame Tragweite dieser neuen Berechtigung der Juden zu zeigen, daher es bestrebt ist, sowohl vom Gesichtspunkte der Staatsökonomie, als der inneren nationalen Politik die Freizügigkeit der jüd. Handwerker als heilbringend darzustellen. Man erlaube uns aber hier eine Bemerkung zu machen. Wie in Deutschland, so auch hier hat man immer befürchtet: man dürfe nur den Juden die Thore zu irgend einer Stadt oder Oertlichkeit öffnen und diese werden bald von ihnen überschwemmt werden; jene aber werden vermöge ihrer Gewandtheit, Thatkraft und ihres Unternehmungsgeistes alle Zweige des Erwerbs bald an sich reißen. Die Folgen haben aber gezeigt, daß diese 'Befürchtungen eitele Chimären waren. Der Jude besitzt, trotz seiner thatsachlichen Diaspora auf dem ganzen Erdenrunde, trotz seiner Fähigkeit, sich in allen Zonen zu acclimatisiren, trotz dem er durch den ihm versagten Bodenbesitz nicht an die Scholle gebun-' den ist, doch eine Zähigkeit im Verharren an dem Orte, wo die Gräber seiner Väter sind; auch tragen die Fa-, milienbande^, die bekanntlich bei keinem Volke so fest sind, als bei den Juden, die Pietät der Kinder zu den Eltern, sehr viel dazu bei, daß er sich höchst ungern von seinem Geburtsorte entfernt. — Wenn beim Kaufmannsstande schon einige Wanderlust, vorzüglich da, wo er einige politische Reife erlangt hat, nicht zu verkennen ist, so ist diese bei den Gewerbsleuten, die meistentheils unbemittelt sind, in so schwachem Maaße vorherrschend, daß an eine massenhafte Auswanderung nach dem Innern , von der der Verfasser sich solche glänzende Resultate in politischer und staatsökonomischer Beziehung verspricht, gar nicht zu denken ist. Wenn wir noch das in Erwägung ziehen, was in jenem Berichte in No. 35 dieser Zeitung als der Ausführbarkeit widerstehend angegeben worden, so sieht ein Jeder ein, daß die von dieser Maßregel erhofften Resultate höchst illusorisch sind. Faktisch sehen wir, daß in der ganzen hiesigen Umgegend noch Keinem eingefallen, seine Auswanderung zu bewerkstelligen, obwohl die äußerste Noth dazu drängt. — Allenfalls constatiren wir es mit der größten Befriedigung, daß hier von officieller Seite zugestanden wird, daß die Fortschritte in der Emancipation der Juden mit 9