Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1865)
- Date
- 1865-12-19
- Page
- Seite 795 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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reiche zu recht bestehenden Gesetzbüchern als Normen ausgenommen sind, obgleich die ganze Lage der Juden der Mehrheit in einem solchen Maße kaum bekannt sein dürfte, als es nöthig ist, umdie ganze Wichtigkeit dieser jetzt durch -die Regierung gestatteten Maßnahme vollkommen würdigen zu können. „Der ganze westliche Strich Rußlands, wo den Juden ihr beständiger Aufenthalt gewährt ist, zählt mehr den 18,222,000 .Einwohner aller Confessionen und in dieser Zahl sind 1,430,000 Juden mit inbegriffen. Diese Anzahl Juden sind in folgende Gouvernements vertheilt, und stehen zu der Bevölkerung anderer Confessionen in folgender Proportion: Kiew, Juden: 225,074, andere Einwohner 1,944,384, Proz. 11,57; Podolien 1.191,847, E. 1,748,466, P. 10,98; Wolhynien I. 185,833, E. 1,528,328, P. 12,16; Mohilew 1.114,870, E. 884,640, P. 13; Kowno I. 101,337, E. 988,287, P. 10,25; Grodno I. 95,457, E. 881,881, P. 10,82; Minsk I. 83,834, E. 986,471, P. 7,72; Bessarabien I. 81,172, E. 914,107, P. 8,86; Wilna I. 80,122, E. 876,116, P. 9,13; Cherson I. 79,557, E. 1,027,459, P. 7,83; Witebsk I. 66,711, E. 771,741, P. 8,68; Tschernigow I. 33,214, E. 1,471,866, P. 2,24; Poltawa 9/29,756, E. 1,819,110, P. 1,64; Kurland I. 26,823, E. 567,078, P. 4,76; Ekaterinoslaw I. 23,115, E. 1,042,681, P. 2,22; Taurien I. 9,702, E. 687,343, P. 1,41; Livland I. 1,198, E. 72,630, P. 1,65. Zusammen I. 1,430,643, E. 18,222,538, P. 7,58. Auf diese Weife ist das Gouvernement Mohilew am meisten bevölkert, wo auf dessen übrige Bevölkerung 13 Procent Juden kommt. Nach diesem kommt Wolhynien 12,16, Kiew 11,57, Podolien u. s. w. Wenn wir aber die erwähnte Anzahl der jüd. Bevölkerung mit der Gesammtzahl der Bevölkerung Rußlands (mit Ausnahme Polens und Finnlands) vergleichen, welche mehr als 67,235,000 beträgt, so ist das Verhältniß derselben zur übrigen Gefammtbevölkerung 2,10. „Dabei muß man auf einen anderen Umstand, der für das richtige Berhältniß der wahren Lage der Juden sehr wichtig ist, die Aufmerksamkeit richten. Es ist schon längst als eine unbezweifelte Thatsache anerkannt worden, daß eine der Agricultur gewidmete Lebensweise nicht im Charakter der jüdischen Nation liegt. Ihre natürlichen Neigungen und ihre seitherigen Lebensbedingungen haben in ihr den kaufmännischen Unternehmungsgeist entwickelt. Aber die Begierde zu commerziellen Operationen konnte nicht ohne die gehörige Entwickelung materiellen Wohlstands und vorzüglich ohne Capitalien befriedigt werden. Wer die nothigen Mittel besaß, um sich in Handelsunternehmungen einzulassen, der that es, und erlangte das Recht, sich im ganzen Kaiserreiche niederzulassen.*) Allein dieser Theil der Juden bildet die Minorität und dabei äußerst unbedeutende Minderheit; die ganze übrige jüdische Bevölkerung ist entweder dem Kleinhandel oder dem Commissionswesen ergeben, die ihnen aber den Zutritt zu den übrigen Gouvernements nicht eröffnen. In diese Kategorie unvermögender geldloser Juden fällt fast der größte Procentsatz aller Handwerker. Alle Städte der westlichen Bezirke sind von jüdischen Handwerkern übervölkert. Die natürliche Folge der allzu großen Ueberhäufung der Gewerbsleute ist aber, daß in einem und demselben Gewerbe eine Anzahl Mitbewerber erscheint, die dann eine starke Concurrenz erzeugen, welche den Werth der gewerblichen Erzeugniste herabsetzt und auf den Wohlstand nicht allein der jüdischen, sondern auch der christlichen Bevölkerung verderblich influirt. „Bei Vergleichung der Zahl der christlichen Handwerker in den übrigen Gouvernements mit der Zahl derselben in den Gouvernements, die für den beständigen Aufenthalt der Juden bestimmt sind, zeigt sich auf der Seite der letzteren ein bedeutendes Uebergewicht. So kommen zum Beispiel auf das Jaroslawer Gouvernement, eins von den am meisten gewerblichen Großrußlands, nur 860 Handwerker (außer der Gouvernementsstadt), während auf die Städte des Kiewschen Gouvernements, das vergleichsweise minder gewerbtreibend ist, mehr als 5000 Handwerker kommen (ebenfalls ohne die Gouvernementsstadt). Ueber die Stufe der Ueberhäufung der Handwerker in den Oertern des beständigen Aufenthalts der Juden kann man noch aus folgendem Beispiele urtheilen. Von zweien, sowohl nach geographischer Lage, als nach den Bedingungen des Bodens, Klimas und der Volkssitten einander gleichen Gouvernements : Kursk und Kiew, giebt es im erfteren 1500 Handwerker weniger, in dem letzteren aber, wo sich ein bedeutendes Procent Juden befindet, giebt es, wie gesagt, 5000 Handwerker. „Die angeführten Ziffern dienen noch nicht als vollständiger Ausdruck der Ueberzahl der Handwerker in den westlichen Gouvernements, da außer den in den Listen der Zünfte eingetragenen noch immer eine bedeutende Anzahl Handwerker existirt, die in keine Zunft eingeschrieben, ihren *) S. die No. 8. dieser Zeitung. 51**