Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1865)
- Date
- 1865-12-05
- Page
- Seite 754 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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754, Die israelitische Gemeinde von Lengyeltüti (im Somogyer Com.) gratulirte nämlich dem Herrr Ladislaus v. Iankovich (spr. Iankowitsch) zu seiner abermaligen Ernennung als Obergespan dieses Comitats, wobei der Führer der Deputation, Rabbiner Albert Stern, der Hoffnung Ausdruck gab, „der bevorstehende Reichstag werde auch den in der Billigkeit und in dem Geiste unseres Zeitalters wurzelnden Ansprüchen der Israeliten gerecht werden, damit, wie in anderen freien Ländern, so auch im freien Ungarn für alle Bewohner des Landes mit gleichen bürgerlichen Pflichten die gleichen bürgerlichen Rechte verbunden seien." Der Herr Obergespan erwiederte: „Der bevorstehende, Reichstag werde in seiner ersten Session mit so wichtigen staatsrechtlichen Fragen beschäftigt sein, daß er kaum Zeit gewinnen dürfte, an die Berathung über die berechtigten Ansprüche der Israeliten zu gehen, jedenfalls werde aber die nahe Zukunft die Erfüllung ihrer Wünsche bringen, bis dahin mögen die Israeliten die schwere Tugend der Geduld üben, und namentlich der Führer der Deputation möge in seiner Stellung als Seelsorger dahin wirken, daß seine Gemeindeglieder sich in. Geduld fassen mögen." Also wir sollen warten, meint der Herr Obergespan, und „wir können warten", äußerte jüngst ein sehr ehrenwerther Correspondent eines, jüd. Interessen gewidmeten Blattes; Referent jedoch dächte, wir könnten nur dann warten, wenn wir warten müßten. — Da übrigens anzunehmen ist, daß dem ebengenannten Obergespan die Ehre und das Interesse des Vaterlandes am Herzen liegen, die aber beide eine schnellere Votirung her vollständigen Gleichberechtigung der verschiedenen nichtmagyarischen Volksstämme gebieterisch fordern, ja ohne welche eine allseitig befriedigende Schlichtung der staatsrechtlichen Frage gar nicht denkbar ist, so muß seine hier mitgetheilte Aeußerung um so größere Verwunderug erregen. Wir wollen derselben aber dennoch nicht den Verdacht supponiren, als wünschte der Herr Obergespan die Schaffung eines besonderen Judengesetzes, zu dessen Ausarbeitung man sich in einer späteren Session Muße nehmen könnte. Der Fürstprimas von Ungarn, Erzbischof vou Gran und Erbobergespan des Graner Com. (dessen faktische Leitung ein Administator versieht), erließ aus Anlaß der Reichstagswahlen ein Hirtenschreiben, dessen intolerante Tendenz bei sämmtlichen Akatholiken, ja selbst bei den freisinnigen Katholiken Anstoß zu erregen und die Sympathien bedeutend zu schmälern geeignet ist, die dem greisen Kirchenfürsten bisher entgegengebracht wurden. Indem das Pastoralschreiben nämlich die Wichtigkeit des nächsten Reichstages hervorhebt, führt es die Eigenschaften an, welche die zu wählenden Landesvertreter haben sollen, und nennt als erste: das katholische Glauben sbekenntniß, wobei es zugleich dem Clerus ans Herz gelegt wird, auf die Wahlen in diesem Sinne zu influiren. Aus dieser Kundgebung leuchtet die unzweideutige Absicht hervor, für den Zeitpunkt, wo der Reichstag an die Verhandlung über das im Lande mißliebige und nach den ungar. Gesetzen für das Land nicht verbindliche Concordat gehen wird, eine ultramontane Phalanx zu schaffen; dieses Streben kann jedoch bei der Freisinnigkeit der kathol. Intelligenz und einer Landesbevölkerung, die mehr als zur Hälfte aus Akatholiken besteht, nicht verfangen. Als Beweis dessen mögen folgende praktische Belege dienen. Paul Somsich (Schömschitsch), eines der populärsten Männer des Landes, der kathol. Kirche angehörend, kam in seiner 1861er Landtagsrede flüchtig auf das Concordat zu sprechen, wobei er folgende auf die ungar. Gesetzesauffasfung basirte Bemerkung machte: Dieser Vertrag besteht für uns nicht, weil selben nicht der gekrönte König geschlossen und der Reichstag gutgeheißen hat. PaulJrimbor, kathol. Geistlicher, gegenwärtig Director des Oberghmnasiums in der k. Freistadt Maria Theresiopel (Szabodka), ausgezeichneter Publicist und als magyar. Dichter unter dem Pseudonym „Hiador" bekannt, im I. 1861 Deputirter des Wahlbezirkes, zu dem auch der Wohnort des Referenten gehört, und in welchem Bezirke die Akatholiken überwiegen, gegenwärtig wieder einer der dasigen zwei Candidaten, wies in seiner 1861er Landtagsrede auf den Stand der Freiheit während der Bach'schen Periode hin, unter anderen bemerkend: „War die Kirche frei? Die Antwort ist das Concordat." — Kommen wir nun auf unsere Eintheilung der Wahlkandidaten in vier Gruppen zurück. Die eine Gruppe, und zwar für uns die erste, bilden die Liberalen im umfassendsten Sinne des Wortes, deren anerkennenswerthe Ansichten über die Gleichberechtigung der Confessionen wir in diesen geschätzten Blättern bereits gewürdiget haben, und deren Zahl sich fortwährend mehrt. Wir haben nämlich die Genugthuung,