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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-09-05 · Heft 36 (5.9.1865) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 36 (5.9.1865)
Date
1865-09-05
Page
Seite 558 (sequence 10)
Language
German
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Anmerkungen. a) Wir glauben, der Herr Berichterstatter hat diese seine Ansicht gerade von den jungen Pädagogen erhalten, daher verbreiten sie ein falsches Licht über' die Stellung dieser jungen Leute zu den Autodidacten, die ihre früheren Lehrer gewesen waren. Die Reibungen zwischen den jungen und alten Lehrern, die oft zu Conflicten ernster Art führten, indem die ersteren zu Verfolgungen und Denunciationen griffen, stammen aus einfachem Grunde; die jungen Leute wußten sich von der Regierung in gesetzlicher Beziehung bevorzugt, da sie von Jugend an gewohnt waren, die vaterländische, russische Sprache zu gebrauchen, und so fingen sie an, durch chikanirende Artikelchen die alten Lehrer in den Augen der Regierung herabzusetzen, die diese wieder in den hebräischen Zeitungen zurückwiesen. Im Bewußtsein ihrer Bevorzugung von Seiten der Regierung war ihr Auftreten gegen ihre Vorgesetzten und jüdischen Lehrer, oft auch gegen die Gemeinden arrogant und hochfahrend. Da aber die Gemeinden den auffälligen Unterschied in der Aufführung'dieser beiden Classen von Lehrern, von denen die Alten, als auf dem Boden des Judenthums ausgewachsen und an den Brüsten des Talmuds großgenährt, sich wohl in Acht nahmen, ihr religiöses Gefühl zu verletzen, gewahrten, machten sie den jungen Leuten den, wie der Hr. Verfasser meint, nur in seltenen Fällen gerechten Vorwurf der Religionslosigkeit. Wir kennen die Sachlage von eigener Anschauung und können versichern, daß die alten Lehrer immer die aus Brodneid Verfolgten und Angegriffenen waren. Ueber diesen Punkt hat dieses Jahr der Harnelitz eine Polemik veröffentlicht, in der den alten Lehrern von ihren jungen College» mit Verfolgungen gedroht wird; es heißt dort: ■o wt Nb ■püpKT*iNEm«tt i5rp swn ba> ibBarp *nö« s-nn — InMfio dm« rpmb b) Der allergrößte Theil des Heranwachsenden Geschlechts aber wird nicht in den Schulen, sondern in den Chedarim erzogen; die Melamdim werden schon wiffen, die ihrer Erziehung anvertraute Jugend zu Anhängern des Chassidismus und zu Buchstabengläubigen zu machen. — Der Herr P. räth zu keinen Zwangs - maßregeln zu greifen, und dennoch sagt er in seinem Berichte: Es müßte der Einfluß der schädlichen Rabbinen beseitigt werden. — Sie, die die Herrschaft über die Gemüther und Geister des Volkes haben, werden, wohl keinen gütlichen Vergleich eingehen wollen, um sich gutwillig dieser Herrschaft zu begeben. Welches wären denn die geeignetsten Mittel, dieses Wunder, die Unschädlichmachung der schädlichen Rabbiner, zu bewirken? c) Zu Motivirung der Punkte 2 und 4 sagt der geehrte Herr Verfasser Seite 16, daß er bei seiner Jnspection sich überzeugt, wie die Pädagogen beim besten Willen und bei großer Energie nicht wissen, wie die Sache anzufangen, daß dieselben aus Unkenntniß der praktischen rationellen Unterrichtsweife keine Erfolge erzielen können. d) Wir sind gerade der entgegengesetzten Meinung: gewöhnlich besuchen die Schulen in denjenigen Gegenden, wo der Fanatismus vorherrschendes Element bildet, nur Kinder der ärmsten Eltern, weil diese nicht im Stande sind, das Chedergeld zu erschwingen. Diesen Kindern den Unterricht in der Religion und den »öthigen hebräischen Gegenständen entziehen, heißt', sie ohne allen moralischen Halt lassen. Der humane würdige, Mann glaubt dem Fanatismus Concessionen machen zu muffen, weil er'sich gegen die Weise des in den Schuleneingeführten Religionsunterrichts sträubt. Mit dem' Fanatismus ist aber kein Friedensbündniß zu schließen; wer es nicht mit ihm hält, der ist gegen ihn; der Fanatismus sagt, daß ein russisches, deutsches, polnisches und französisches a n«»ün md« **a«, während das « d^np unp sei; wer beide lernt, vereinigt, das Allerunreinste mit dem Allerheiligsten, der ist ein Abtrünniger, ein Apostat. Wie kann man glauben, jemals mit diesen Leuten einen Compromiß eingehen zu können? 6) Nichts billiger, als diese Forderung; da die Stipendien für die allgemeinen Lehranstalten von den Summen der Lichtpacht gedeckt worden sind, so sollten billigerweise auch für die jüdischen Schulen aus diesem Fonds Stipendien geschaffen werden. Sehr viele Gymnasiasten würden nie ein Gymnasium besucht haben, wenn sie nicht den ersten Grund zu ihrer Bildung in der jüdischen Schule gelegt hätten. Die jüdische Schule war es, die bei ihren Eltern die Antipathie gegen jede Bildung besiegen half; schon um dieses Grundes halber verdient die Schule ferner zu existiren. k) Nichts war für die jüdischen Schulen von verderblicheren Folgen als die christlichen Lehrer, welche alle jüdischen und christlichen Feiertage feierten und noch dazu sich den jungen Kindern nicht verständlich machen konnten Wenn der Lehrer katholisch war, so fügte er noch zu den Feiertagen der Landeskirche die seiner eigenen. Ist es ein Wunder, daß die Herren Jnspectoren über schlechte Erfolge sich beklagten und auf gänzliche Schließung der Schulen drangen, da mit der jüdischen Hartnäckigkeit nichts zu machen sei? Sie halten nur gebraucht, jüdische Lehrer für das Russische einzusetzen, wie wir in Dybno und Mohilew sehen, und würden sich dann gleich überzeugt haben, daß die russischen Lehrer für den Elementarunterricht der jüdischen Jugend nicht geschaffen sind. g) Der Jude ist gewohnt, daß sein Kind den ganzen Tag unter der unmittelbaren Aufsicht des Melammeds stehe, da er selbst keine Zeit hat, sich mit demselben zu befassen. Wenn er nun sieht, daß sein Kind von 2 Uhr Nachmittags sich dem Müssiggange ergiebt, da es ohne alle Aufsicht ist, so bereut er gar bald seinen Jrrthum, das Kind in die Schule geschickt zu haben, und läßt es lieber in das Cheder gehen. Die vorgeschlagene Maßregel würde diesem Uebelstande abhelfen, auch andere gute Folgen in moralischer und sittlicher Beziehung nach sich ziehen. (Fortsetzung folgt.)

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