Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-09-05 · Heft 36 (5.9.1865) · p. Seite 557

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 36 (5.9.1865)
Date
1865-09-05
Page
Seite 557 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226473-3226510--23314-3250616
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

557 Programm dem Religionsunterrichte allzugroßen Raum gewährte, und daß die Unterrichtsweise in diesen . Gegenständen zu sehr vom alten Schlendrian abwich;'denn da man an die Stelle des Talmuds den Chäje Adam und Maimonides setzte, glaubten die Juden darin eine Herabwürdigung des erstern zu sehen; 2) daß man anfangs zu Leitern und Vorgesetzten dieser Schulen Subjekte'aus der nieder« Bureaukratie einsetzte, die ohne Interesse für das Heil der jüdischen Nation, ja oft noch — weil das vorwiegende Element in den westlichen Gouvernements das polnische war — voll Gehässigkeiten waren, und daher ihre Stellen als fette Pfründen und Sinecuren betrachteten, und ihren Gefühlen und Vorurtheilen gemäß Kinder und Eltern, Lehrer und Gemeinden behandelten;.3) daß man anfangs genöthigt war, Lehrer von den Melamdim und Autodidacten zu bestellen; die Wahl einiger von diesen letzteren war gut getroffen, dagegen besaßen andere keine gründliche und allseitige Bildung, und es gelang ihnen nicht, das Zutrauen der Gebildeten und Bessergesinnten zu gewinnen, da ihr Unterricht im herkömmlichen Schlendrian wurzelte, und daher trocken und ohne allen rationellen Einfluß auf die sittliche und moralische Entwickelung der Schüler war. In der Folge wurden die früheren Leiter der Schulen, und die jüdischen alten Lehrer nach und nach entfernt , und an deren Stelle kamen die in den Rabbinerschulen ausgebildeten Pädagogen. Diese ergriffen die Sache mit ^rllem jugendlichen Eifer, hatten aber einen harten Kampf, theils mit den christlichen Leitern, theils mit ihren jüdischen College», den alten Lehrern, die sich von diesen jungen Leuten übertroffen sahen, endlich auch mit den Gemeinden, da die Fanatiker, in diesen immer irgend einen Vorwand zu Mißtrauen gegen die Schulen suchend, ihnen den — nur in seltenen Fällen gegründeten — Vorwurf machten, die Observirung der durch Jahrhunderte geheiligten Gebräuche außer Acht zu lassen, a) Diese Ursachen existiren theils noch jetzt, werden aber mit der Zeit beseitigt, wenn nämlich die allgemeine geistige und sittliche Entwickelung der jüdischen Nation wachsen werde, was aber nicht durch Zwangsmaßregeln, sondern einzig und allein allmählig durch Heranbildung des Heranwachsenden jungen Geschlechts möglich sein werde. —b) Die nach dem Ermessen des Herrn P. wünschenswerthen Maßnahmen, die auf die Besserstellung der Schulen vorteilhaft influiren könnten, sind in Kürze ' folgende: I) Daß der Cursus der allgemeinen Gegenstände in den Rabbinerschulen nach Möglichkeit dem Cursus des Gymnasiums mehr entspreche; "2) daß in dem pädagogischen Cursus der Unterricht in Pädagogik und Didaktik eingeführt werde; «) 3) daß man in dem rabbinischen Cursus den Unterricht in den vaterländischen Gesetzen in dem Maße, als deren Kunde einem Rabbiner noth thut, einführe; 4) es müsse mehr Aufmerksamkeit auf die praktische Beschäftigung der Jünger der Pädagogik gewendet werden; 5) die angehenden Rabbiner müssen mehr Gelegenheit haben, sich in der Homiletik, in russischer und deutscher Sprache zu üben; 6) wenn den Rabbinatskandidaten die Erlangung ihrer Stellen erleichtert würde, d. h. wenn sie direkt von der Regierung und nicht von der Wahl der Gemeinden abhingen; auch ihre Existenz, mehr sichergestellt durch gute. Gehalte und Ertheilung mehrerer Rechte und Prärogative, würde mehr junge Leute zum rabbinischen Fache anlocke'n, und ihnen auch mehr Achtung in den Augen der Gemeinden verschaffen; 7) durch die Einrichtung von Bibliotheken, in den Schulen würden bessere Erfolge bedingt, da hierdurch der Jugend mehr Mittel zu ihrer Fortbildung gegeben werden würden. — 8) Der Unterricht in den hebräischen Gegenständen und in der deutschen Sprache in den Elementarschulen sei in denjenigen Gegenden, wo der Fanatismus vorherrschend ist, gänzlich zu beseitigen, dafür aber der Unterricht in Arithmetik und Schönschreiben zu erweitern; in denjenigen Gegenden aber, wo die Bevölkerung mehr fortgeschritten, müssen nnr Chaje Adam, Maimonides und die Uebersetzung der Gebete beseitigt und dafür in der zweiten Classe Geographie und Naturgeschichte vorgetragen werden. —d) 9) Es wäre wünschenswerth, auch für die jüdischen Schulen besondere Stipendien zu schaffen.e) 10) Die Gründung von Vorbereitungsclaffen für diejenigen Schulen, in denen die Schüler der ersten Classe zahlreich und also auch von verschiedenem Alter sind. II) Den ersten Unterricht im Russischen jüdischen Lehrern zu überlassen, da die russischen Lehrer sich anfangs gar nicht verständlich machen köUnen.1) 12) Die Einführung nachmittäglichen Unterrichts würde gewiß gute Folgen nach sich ziehen, g)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.