Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-08-15 · Heft 33 (15.8.1865) · p. Seite 502

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 33 (15.8.1865)
Date
1865-08-15
Page
Seite 502 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226473-3226507--23256-3250555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

502 erhalten, eine geringere ist, so steht ihnen doch die ungeheuere Masse der Menschen zur Seite, welche, ohne^ eine Aare Erkenntnis und ein deutliches Bewußtsein zu - besitzen^ den Zündstoff bilden, in welchem ein rechter. Funke noch immer eine verzehrende Flamme zu erwecken vermag. Auch wäre es irrig, den Fanatismus al^in auf Seiten der religiösen Zeloten zu suchen: er existirt in politischen und socialen Parteien, er besteht auch im * Radikalismus, wie wir im Jahre 1848 und seitdem mehrfach erfahren haben. Wir sind die Letzten, welche eine leere Furcht wecken, Schreckbilder malen wollen. Aber ebenso thöricht ist es, sich in eitler Ueberschätzung ' über die vorhandenen feindlichen Elemente hinwegzusetzen, und sich in Sicherheit zu wiegen. Von der Siegeskraft der Wahrheit und des Rechtes kann nur dann gesprochen werden, wenn dieselben wohlgerüstete und kampfbereite Streiter hahen. Die Parteien des Liberalismus und der Aufklärung haben es in den letzten Jahrzehnten wiederholt schmerzlich empfunden, wohin jene den Feind verachtende oder unterschätzende Sicherheit sie geführt hat. Das Judenthum ist einmal von Feinden umringt, und zwar von allen Seiten, und nicht selten sind Diejenigen die ärgsten Feinde des Judenthums, welche die Rechte der Juden vertheidigen. Freunde und Stützen kann das Judenthmp nur in seinem eigenen Schoße suchen und finden. Demungeachtet sind die. i n n e r e n Motive, um eitlen solchen Verein sich zu schaaren, noch viel gewichtiger, und dies ist es auch, was diesen in Deutschland zu gründenden Verein von seiner Vorgängerin, der pariser Alliance, unterscheiden wird. Diese richtet ihre Thätigkeit zumeist nach Außen; unser Verein hat mehr das innere Leben des jetzigen Judenthums, dessen Stärkung und Festigung zum Zwecke. Je rascher und kräftiger die Entwickelung innerhalb des Judenthums in unserer Zeit vor sich ging, desto mehr theils nebeneinander laufende, theils auseinander gehende Richtungen kamen zum Vorschein, desto vielgestaltiger wurden die Erscheinungen. Üm so mehr thut es Noth, einen Vereinigungspunkt zu schaffen, in welchem alle diese sich wieder finden, und in völliger Freiheit sich wieder vereinen können. Ja, die Vereinigung der zersplitterten Elemente und Kräfte, die gemeinsame Arbeit und Ausführung, durch welche eine Harmonie unter den, durch die Entwicklung zerstreuten Geistern wieder hergestellt werden soll, ist chas wesentliche Bedürfniß und der eigentliche Gedanke für den beabsichtigten Verein. Daß hiermit folgerichtig 'jenen verderblichen und unreligiösen Separationsgelüsten, jenem Cliquewesen, das, um sich die Herrschaft über einen Bruchtheil zu sichern, sich von der Gesammtheit trennen und diese verketzern will, entgegengetreten wird, ergiebt sich von selbst. Aber auch, ein Blick auf den im östlichen Europa immer ungeheuerlicher anwachsenden Chassidismus lehrt, wie ein Zusammennehmen der Kräfte für das, den gebildeten Völkern angehörende Judenthum zur Nothwendigkeit wird. Es iss Zeit, daß wir in irgend einer Weise aus diesem chaotischen Zustande herauskommen, und zwar durch freie Entwickelung selbst, nicht indem wir irgend einen Zwang ausüben oder ein neues Joch auf unsere Schultern laben. Man wende nicht ein, wenn ein solcher Verein ein großes Bedürfniß sei, warum er nicht schon längst sich gebildet habe? Jedes Ding will seinen rechten Zeitpunkt haben. Ein jeder Entwicklungsprozeß verlangt zunächst seine Zeit völliger Ungebundenheit, um seine Kräfte nach allen Seiten hin sich frei entfalten zu lassen. Dann erst wird eine organische- Verbindung wieder zum unabweislichen Bedürfniß. In der That haben auch schon früher derartige Versuche stattgefunden, wie der „Verein für Wissenschaft der Juden" und später der „Culturverein" zu Berlin. Aber die Zeit war eben noch nicht gekommen, das Bedürfniß der Vereinbarung lebte erst noch in zu wenigen Individuen, und fand daher noch ungenügende Mittel und Werkzeuge. Seitdem ist die Zeit rasch und bedeutend vorgeschritten, das Feld ist vorbereitet, die Furchen gezogen, und es kommt darauf an, ob sich Aussaat genug findet, und die Arbeiter nicht feiern werden. Wohlan, Ihr Männer des jüdischen Glaubens! reichen wir uns brüderlich die Hände! Es werden keine großen Opfer gefordert, nichts als ein fester Wille und ein treues Herz, nichts als die Liebe zum Erbe Eurer Väter, nichts als der Eifer für die Ueberzeugung, die Ihr bekennt! Doch wir können unfern Gegenstand heute nicht verlassen, ohne noch eine besondere Beobachtung, wie sie gerade in der Zeit liegt, hinzuzufügen. — Wer weiß es nicht, daß das politische Leben gegenwärtig bei allen civilisirten Völkern den Vordergrund alles Interesses einnimmt. Bis auf die unterste Schicht der Gesellschaft trägt ein Jeder den lebhaftesten Antheil daran in seinem Geiste, und zahllose Menschen haben außer ihrem Ge- : werbe und Berufe allein noch die Beschäftigung mit Politik; alles Andere ist ihnen gleichgültig und die Lectüre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.