Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1865)
- Date
- 1865-04-25
- Page
- Seite 252 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Sachs, Grätz, hebt die Verdienste des Instituts zur Förderung-der israelitischen Literatur und der durch dasselbe vedöffentlichten Schriften hervU^ tobt die Opferwilligkeit der Juden, für das Schulwesendie Vereine zur För^ derung der Handwerke u. s. w. Man sieht also, daß der Freiherr von Lotzn durchaus nicht als vorurtheils- : voll und übelgesinnt gegen die Juden angesehen werden kann. Aber gerade je unparteiischer er er scheint, desto' auffälliger sind Auslassungen, welche doch weit hinter einer gerechten Würdigung Zurückbleiben. Nicht als ob wir manchen Tadel, den er über die Juden unsrer Zeit ausspricht, nicht für begründet und für beherzigenswert erachteten. Wer hätte denn wohl auf diesem Erdenrunde keine schwachen Seilen, und wie sollten wir weiter kommen und in einer gesunden, Entwickelung vorwärts schreiten, wollen wir nicht von denen, die uns beobachten, Fingerzeige und Mahnungen willig annehmen? Allein dies kann uns nicht veranlassen, auch da zu schweigen, wo Mißverständniß, Verkennung oder Unkenntniß hart -und bitter aburtheilen. Fragen wir aber gleich von vorn herein, wie so der Herr Verfasser dahin gelängte, so bemerken wir, daß er sich.aus streng deutsch-nationalem Standpunkte befindet, und von da aus mit Ausschließlichkeit abspricht. Er tadelt daher die Juden, daß sie auch noch einen jüdischen Standpunkt kennen und behaupten, und verlangt von ihnen, daß sie „nicht nur mit Worten, sondern auch mit Thaten als. Deutsche sich zeigen und ehrlich, ohne Hintergedanken deutsch seien." Wir werden uns hierüber aussprechen, zuvor aber einige einzelne Behauptungen beleuchten. Nach den oben citirten Worten, fährt der Verfasser fort: „Aber ebensowenig darf übersehen werden, was die Juden namentlich den Deutschen verdanken; unvergessen muß bleiben, mit welcher Entschiedenheit und Humanität die Deutschen sich der Unterdrückten annahmen, wie sie für ihre Rechte so weit eintraten, daß eine Bevorzugung in der Beurtheilung, ja selbst teilweise in der Behandlung nicht zu verkennen war. Um nicht ungerecht zu erscheinen, um für vorurteilsfrei zu gelten, wurde hier und da mancher Jude vor den christlichen Bewerbern begünstigt'" — Wir gestehen, daß, was hier der Vers, sagt, uns ganz etwas Neues ist. Abgesehen davon, daß es dem Vers, noch immer nicht möglich ist, sich den Juden als Deutschen zu denken, trotzdem das erstere doch schon Jahrtausende in Deutschland sein Vaterland hat — denn darüber sprechen wir später — so ist uns von der Entschiedenheit und Humanität, mit welcher sich die Deutschen der Juden angenommen, für ihre Rechte eingetreten und sie sogar bevorzugt habest sollen/ wenig bekannt geworden. Gerade' umgekehrt — warum sollen wir ^die Wahrheit Nicht sagen? — häbew unter den Culturvölkern die Deutschen am meisten, am dauerndesten unserer Gleichberechtigung widerstanden, und die deutschen Staaten sind diejenigen, in welchen unsere -Gleichberechtigung noch die unvollkommenste ist. Beruft stch der Vers, etwa auf die Schriften, die in Deutschland von christlichen Autoren für die Emancipation geschrieben worden, so machen wir uns anheischig, auf jede derselben zehn gegen die Emancipation aufzuzählen. Ja, gerade daß soviel darüber geschrieben und gesprochen worden, erweist, daß man in der That in Deutschland sich außerordentlich überwinden mußte, um die Gleichberechtigung anzuerkennen, die doch nur in wenigen deutschen Ländern vollständig geworden. In Nordamerika, Frankreich, Holland, Belgien, England, Dänemark, Italien hat man nur wenige Schriften darüber gewechselt, aber sie in kürzester Zeit durchgeführt. Ja, es kann dem Vers, sogar nicht verborgen geblieben sein, daß es leider Deutsche sind, die in Amerika wie in Kurland, ja selbst in Eng-' land die Juden feindselig behandeln. Nein! Wir deutsche Juden sind Deutsche seit mehr als anderthalb Jahrtausende; wir haben die deutsche Entwickelung in Licht und Schatten, in Gutem und Bösem: mit durchgemacht; wir haben deutsches Wesen und deutschen Geist - in uns. Dies ist es, was wir Deutschland verdanken; hierdurch sind wir mit tausend Banden an.Deutschland geknüpft, halten uns für ganz ebenso gute deutsche Patrioten wie der Verfasser sich kennzeichnetdenken, sprechen und handeln deutsch. Frage doch der Vers, einmal in Paris und London, in Syrien und Amerika nach, welche Deutsche deutsche Sitte und Sprache am meisten festhalten, und am längsten darin verharren? und man wird auf die deutschen Juden alldort Hinweisen müssem Aber was die Erringung unsrer Rechte betrifft, so sind wir einzelnen Deutschen großen Dank schuldig, den Deutschen im Ganzen wenig. Von da ab geht der Vers, auf die Beurtheilung dessen über, was. Deutschland dagegen den Juden verdanke. Er schneidet uns da jede Berichtigung von vorne ab, indem - er den Juden „Selbstverherrlichung" zuschreibt. Eine Entgegnung würde er leicht in dieses Kapitel einweisen. Wir geben zu, daß hierin von Einzelnen gefehlt worden; der billig Denkende hatte aber erwägen müssen, daß die Juden so viel Mßach-