Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1865)
- Date
- 1865-02-07
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226480--22807-3250079- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
baß unter dem Schwann deutscher Bettler und Abenteurer, der JaW aus, Jahr ein, unsere Thürerr-belagert und unser Mitleid:. ausbeute^ -sich ffch äußerst wenig.Juden befinden.Es ist fer-. ner bekannt, 'daß der unredliche Erwerb .von'vielen Theilen Ldn-' dons behauptet wird, deren Bevölkerung specifisch nicht jüdisch ist. Man frage doch: wo wird ein reineres Familienleben, mehr häusliche Tugend,. Mäßigkeit und umgängliches Wesen angetroffen, etwa in St. Giles, Wapping und. anderen Theilen Londons, wo fast gar keine Juden wohnen, oder-'in dem armen verachteten Petticoat-Lane? Die Criminalstatistik' aller Länder möge entscheiden, ob cs Juden in vorwiegender Zahl sind, welche wegen gemeiner Verbrechen verurtheilt werden. — Endlich bemerken wir, daß es sich hier nur um einen imaginären Fall handelt, den der Verein zu Gunsten seines Clienten urgirt hat. Je imaginärer die Annahme ist, desto stärker müßte das Gewicht der Evidenz sein,'worauf sie sich gründet. Hatte der Verein.Grund, einen solchen Helfershelfer anzunehmcn, so war es die heiligste Pflicht gegen seinen Clienten, diese Anklage rechtzeitig zu erhärten. Eine rechtzeitige Vorführung des Verdächtigen hätte vielleicht den unglücklichen Müller vom schimpflichen Henkertode retten können. — War aber ein solcher Mitschuldiger nicht zu prodncircn, lebte er nur in der Phantasie des Vereins: welche Macht im Himmel und auf Erden gab dem Verein das Recht, in ihm einen Inden zu sehen? KeineSophistik, keine Phrasen!- Hier ist nur der eine nder der andere Fall denkbar. Entweder der Verein hat fein Mandat, die Beschntzung des unglücklichen Delinquenten, mit beispielloser Jncompetenz und Leichtfertigkeit verwaltet; oder aber, er hat. eine große Gemeinschaft auf unverantwortliche Weise geschmäht und verleumdet, gleichviel ob dieselbe in Petticoat-Lane, Regent-Street oder der Rue Richelieu wohne. Jndeß dies ist ihm gottlob nur theilweise gelungen : die ungeheure Albernheit und Leerheit seiner Aufstellungen bricht denselben die Spitze ah. Der Versuch, die Bedeutung dieses Vorwurfs von der Mischen Gesammtheit ab- und einem bestimmten Theil derselben znzüw ätzen und Pett.-Lane zum Sündenbocke seines Clienten zu machen, ist die letzte und offenbarste Kundgebung seiner Schwäche und Haltlosigkeit. In der ganzen Beweisführung tritt nur eines zu Tage: die Armseligkeit seiner Gründe und die ans Lächerliche streifende Vermessenheit, womit er dieselbe zu verdecken suchte. 3) Es scheint bei dem Redacteur des „Hermann" ausgemacht, daß man auf eine Sache stolz sein müsse, um in derselben sein gutes Recht geltend zu machen. Es mag sein, daß wir wenig Ursache haben, auf die unredlichen Bewohner von Pett.-Lane stolz zu sein: was beweist das? Außer denDingen, auf die man stolz rst, und außer denen, durch die man sich gedemüthigt fühlt, gibt es noch eine dritte Classe von Gegenständen, solche, die uns gleichgiltig lassen. Von einer einzelnen Erscheinung einen Schluß zu ziehen auf eine Gesammtheit, wird stets als ein Verfahren erscheinen, das der gesunde Menschenverstand wie die Moral in gleicher Weise verurtheilen. — Wer z. B. die weltbekannte und weltengroße Bedeutung der deutschen Presse deshalb in Abrede stellte, weil sich in ihr ein so geist- und gehaltloses Organ sinder wie der Hermann, der wird sich den Vorwurf eines ebenso ungerechten wie thörichten Fehlschlusses müssen gefallen lassen. Wir Juden fühlen uns durch die Anführung von Petticoat-Lane ebenso wenig gehoben wie gedemüthigt 5 was wir suchen und wollen, sind nicht stolze, sondern richtige Facta, und was wir anstreben, ist Gerechtigkeit. Und die Welt mag entscheiden, ob die Existenz eines ärmlichen Stadtviertels ein Grund ist, uns die augesnchte Gerechtigkeit vorzuenthalten. 4) Ich danke dem Herrn Redacteur für die Mittheilung, daß ein großer Theil der Mitglieder des Rechtsschutzvereins Juden sind. Allein diese Thatsache hat auf mich nicht die Wirkung, mich zum Schweigen zu bringen, wie der Schreiber zu erwarten scheint. Vielmehr fühle ich mich aufgefordert, meine Ueberraschung zu äußern, daß der Verein nicht aus Rücksicht auf seine jüdischen. Mitglieder eine größere Milde und Vorsicht in seinen Urtheilen beobachtete. Eine solche Rücksicht wird ja sonst in jeder gebildeten Gesellschaft eingehalten. Die Gründe, warum diese jüdischen Mitglieder nicht ihre Stimme zur Abwehr erhoben, sind für unsere Untersuchung völlig bedeutungslos. Es mag .sein, daß die jüdischen Mitglieder, des Vereins in London bereits wußten, wie schwer sich gegen die Rechthaberei und die Vorurtheile des Vorstands ankämpfen läßt. Mir, dem Fernerstehenden, war diese Einsicht nicht gegönnt und so blieb mir der leidige Kampf nicht erspart. Es magsein, daß die jüdischen Mitglieder ihren .Beruf zur Abwehr einen Augenblick verkannten: ein Grund mehr für uns, eine so dringende Pflicht nicht zu versäumen. Hier handelt es sich nicht darum, warum der eine etwas schwer aufnimmt, was dem andern harmlos erscheint; hier ist nur eine Frage zu lösen: Ist die Beschwerde eine gerechte, eine gegründete? — Nach der weisen Bemerkung des Nedacteurs ist nur derjenige ein vernünftiger, ein toleranter Jude, der es zuläßt, daß die jüdische Ge- Uleinschaft in oder außer Petticoat-Lane der Thcilnahme am Morde beschuldigt wird. In diesem Dilemma zwischen Vernunft und Toleranz einer- und schweigendemZngeständniß zu einer großen Lästerung andererseits schlage ich »mich ohne Anstand auf die Seite der Unvernunft. Wenn es wahr ist, daß derjenige, welcher an dem Ausdrucke: „a .lew aceoniplice" Anstoß nimmt, unvernünftig und intolerant ist, dann halte ich es für einen Ruhm, beides, intolerant und unvernünftig zu sein. 5) Der Herr Redacteur hält es für ausgemacht, daß meine Auslassung nur „zur Bekanntmachung des Professors der neuern Sprachen" erlassen war. Zur Entgegnung bemerke ich, daß ich bei meinem Auftreten in Manchester die Bezeichnung meines Berufes nicht für nöthig hielt, da ich der Achtbarkeit meines Namens und dem gesunden Sinne meiner Mitbürger vertraute; und diese Zuversicht hat mich auch nicht betrogen. Die Annahme des Herrn Nedacteurs ist indeß höchst bezeichnend, für die Art, wie er und sein Organ Personen und Dinge zu beurtheilen pflegen. Dieses wie einiges andere gegen mich persönlich Gerichtete über-, gehe ich mit Stillschweigen'Und überlasse es getrost dem Leser, sich sein Nrtheil selbst zu bilden. . 6i Der Redacteur des „Hermann" will es alseinebesöndcre Schonung betrachtet wissen, daß er den Inhalt meiner „Zornepistel" mit Stillschweigen übergangen, r Diese Schonung ist ein Danaidengeschenk, gegen das ich nicht ernstlich genug protestiren kann. Es war stets , mein Grundsatz, meine Briefe soabzufassen, daß ich Mich ihrer nicht zu schämen brauche; bei der Adresse.derselben konnte ich dies Gefühl nicht immer vermeiden. Der Leser, welchem ich besagte Zornepistel hier wortgetreu mittheile, möge urtheilen, ob ich von der Schonung des Nedacteurs abhängig ser oder nicht. „Clarence-Street, Cheetham, Manchester, den 3. Dec. An den Herrn Redacteur des „Hermann." Euer Wohlgeboren fanden es für gut. mein Schreiben v: 22. v. M. sowie den Inhalt desselben mit Stillschweigen zu übergehen; ja Sie glaubten sich von der üblichen Höflichkeit einer Erwiderung dispensiren zu dürfen. Ein solches Verfahren mag recht bequem scheinen, ob es sich aber mit dem Princip der Gerechtigkeit, der deutschen Manneswürde und Geradheit vereinigen läßt, das Sie bei jedem zehnten Worte betonen; ob eine solche Handlungsweise eines Mannes von akademischer Bildung würdig sei, darüber werden bald andere Stimmen als die meine Gelegenheit haben zu entscheiden. Einstweilen habe ich die Ehre, Ihnen beifolgenden Artikel zu überreichen, der bis jetzt in zwei großen Blättern erschienen ist. Betrachten wir ihn als den ersten Zug indem nothw endigen und redlichen Kampfe, zu welchem Ihre und des Vereins Handlungsweise mich hingedrängt. - Es steht bei Ihnen, auch diese Kundgebung mit Ihrem bekannten vornehmen Stillschweigen zu übergehen. Der ich im Uebrigen rc. gez. Heinrich Zirndorf."" „Der Verein hat die große Frage, welche Gerechtigkeit und Vernunft und Billigkeit an ihn stellten, nicht beantwortet. Streng genommen, konnte er sie auch nicht beantworten; ihm blieb nichts übrig, als sich in ein hochmüthiges, dunkles Schweigen zu hüllen. Möge die öffentliche Meinung diesseits wie jenseits des Canals sich-über dies Gebaren ihr Urtheil bilden." Druck von I. B. Hirschseld in Leipzig.