Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1862)
- Date
- 1862-11-11
- Page
- Seite 661 (sequence 9)
- Language
- German
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661 der Pädagogik aufgestellte Grundsatz, der Unterricht müsse quantitativ und qualitativ stufen mäßig forts chreiten, der wachsenden Kraft müsse mehr und Schwereres geboten werdenseine hinlängliche Begründung. Indessen ist wohl ein steter stufenmäßiger Fortschritt vom Leichten zum Schweren Lei keinem Gegenstände möglich; im Unterrichte wechselt Leichtes und Schweres mit einander ab, ohne in gleichmäßiger Ordnung auf einander zu folgen; nichtsdestoweniger muß der Ausgangspunkt ein leichterer sein, mit dem Leichteren muß begonnen werden. Bei historischen Wissenschaften kann zwar. Letzteres auch nicht leicht erfüllt werden; denn die Aufeinanderfolge der Glieder und Theile eines historischen Gegenstandes, d. i. Das, was man den Lehrgang zu nennen pflegt, ist durch die Zeitfolge mit Bestimmtheit gegeben, und es liegt folglich nicht in der Macht des Lehrers, einen leichten Anfangspunkt herauszusuchen; allein die biblische Historie macht hiervon eine Ausnahme und ist auch in dieser Rücksicht höchst merkwürdig. Als hätte der große Erzieher der Menschheit dieser ein Buch in die Hand geben wollen, das neben einer unerschöpflichen Tiefe für den Forschergeist auch für die allmählig sich entwickelnde schwache. Kinderseele einen vom Leichteren zum Schwereren aufsteigenden Unterrichtsstoff darbieten solle, — beginnt dasselbe mit der kindlich einfachen Erzählung von der Schöpfung des Himmels und der Erde, dem Zustande der Unschuld der ersten Menschen, verweilt hierauf lange bei dem auch für die Kinderseele leicht faßlichen Familienleben der Patriarchen und steigt dann erst zum Stamm- und Volksleben Israels auf. Ich sage, „leicht faßlichen Familienleben"; denn leicht faßlich ist dem Kinde Alles, was den Verhältnissen, unter denen es bisher ausgewachsen, und seinem davon bedingten Jdeenkreise, seiner Anschauung, seinem Gefühle angemessen; und da dasselbe im Verhältnisse der Familie aufzuwachsen pflegt und innerhalb dieser seine ersten Eindrücke empfängt, seine ersten Vorstellungen sich bilden, seine ersten Gefühle und Neigungen sich regen: was könnte ihm da näher und faßlicher liegen, als jene Erzählungen aus dem einfachen Familienleben der Patriarchen? Also durch die Oekonomie der Bibel selbst ist bezüglich des Ausgangspunktes ein stufenmäßiges Aufsteigen vom Leichten zum Schweren gegeben. — Die Volksschule — und insofern man diese im Gegensätze von Gelehrtenschule nimmt, gehört auch die Religionsfchule unter ihre Kategorie — muß sich in der Regel mit dem blos anordnenden Lehrgänge begnügen, hingegen auf den bei historischen Wissenschaften anwendbaren philosophisch-genetischen Lehrgang (versteht sich, den progressiven, denn der repressive ist nur bei Wiederholungen anzuwenden) gewöhnlich verzichten; denn der Schüler der Volksschule erlangt in der Regel die Reife nicht; in den Geist der Geschichte eindringen zu können, d.ie geistigeren Entwickelungen der Menschheit aufzufassen, die im Innern des Menschen liegenden Ursachen der äußern Erscheinungen zu schauen. Es gehört jedoch auch dies zur Eigenthümlichkeit der biblischen Geschichte, daß beim Unterrichte derselben dieser das Interesse des Schülers und dessen Selbstdenken so sehr anregende Lehrgang in manchen Zeiträumen zulässig und anwendbar ist. Für den denkenden, gewandten Lehrer giebt hierzu das treffliche Bibelwerk des um Wissenschaft und Judenthum hochverdienten Dr. Philippson die beste Anleitung. Herr vr. Philippson verstand es nämlich sehr gut, die biblischen Thatsachen in ihren Ursachen, in ihrem geistigen Grunde, in der Macht der Idee zu erfassen und das Bleibende aus dem Wechselnden der Ereignisse herauszuheben. Beispielshalber werde hierangeführt: Gen. Cap. 12, 1. inibivvi 21 „Es sprach aber der Ewige zu Abram: Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsorte und aus deines Vaters Hause" rc. Hierin findet Herr vr. Philippson die Idee der Isolirung Abrahams und seiner Nachkommen ausgesprochen und mit besonderem Nachdrucke hervorgehoben, einer Isolirung, die nothwendig war, um ein Volk.zu erziehen, das die religiöse Erkenntniß dereinst in die Menschheit bringen sollte. Und von der Macht dieser Idee beherrscht, entwickelt sich eine Reihe von Thatsachen, von denen ich nur hervorheben will: Isaaks Verheirathung — er sollte sich nicht mit den Einwohnern Kanaans verschwägern, denn dies würde die Isolirung aufgehoben haben; das feindliche Auftreten der Söhne Jakobs gegen die Einwohner Sichernd — dies trug dazu bei, die Isolirung noch mehr zu befestigen; die Auswanderung der Familie Jakobs und deren Niederlassung in einem durch Kastengeist und Fremdenhaß ausgezeichneten Lande rc. — Dieser philosophischgenetische Lehrgang eignet sich jedoch nur für den dritten und letzten Cursus. — Bevor ich aber weiter meinen Gegenstand verfolge und die Methode des biblischen Unterrichts überhaupt und der Geschichte insbesondere einer eingehenden Besprechung, unterbreite, erachte ich es für nöthig, die Zwecke ins Auge zu fassen, die durch den Unterricht in der biblischen Geschichte erreicht werden sollen; denn die Methode ist doch eigentlich Dasjenige, was 46